Pro und Contra

Abwägen zwischen politischer Mündigkeit und Volljährigkeit

Der Zürcher Kantonsrat stützt ein Gesuch des Jugendparlaments. Er lässt prüfen, ob das Stimmrechtsalter auf 16 Jahre gesenkt werden soll. Sind Jugendliche reif für die grosse Politik?

Ab welchem Alter sollen Jugendliche ihre Stimme an der Urne abgeben können?

Ab welchem Alter sollen Jugendliche ihre Stimme an der Urne abgeben können? Bild: Keystone

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Nein

Ich freue mich, dass Schüler gegen die Tatenlosigkeit der Politik beim Klimawandel protestieren. Es ist grossartig, wenn die Jugend sich politisch engagiert. Aber ich halte nichts vom Stimmrechtsalter 16 Jahre. Das hat mit einer Inkonsequenz zu tun: Unmündige bestimmen über Mündige. Für mich sind Stimmrechtsalter und Volljährigkeit eineiige Zwillinge. Wer sie trennt, schafft politische, gesellschaftliche und rechtliche Paradoxe.

16-Jährige dürften über Autobahnprojekte entscheiden, ohne schon selbst am Steuer sitzen zu dürfen. Sie könnten über den Steuerfuss abstimmen, obwohl sie frühestens ab 18 Jahren steuerpflichtig werden. Wenn sie passiv gewählt werden dürfen, müsste auch der Amtszwang gelten, obwohl sie gleichzeitig noch unter der Schulpflicht stehen.

Nicht-Volljährige befinden über Zuständigkeiten des Staates während sie weiterhin nur einer Obrigkeit angehören: dem Elternhaus. Sie sind weder vertrags-, noch geschäftsfähig. Warum sollen sie über strafrechtlich relevante Gesetze abstimmen und gleichzeitig noch vom Jugendstrafgesetz geschützt werden? Ganz zu schweigen von Eherecht, Sexualstrafrecht und Alkoholschutz. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Immer stösst das Stimmrechtsalter 16 Jahre an einen Widerspruch: Die Jugendlichen dürften stets über das Leben Anderer bestimmen, privat aber nicht über das eigene. Darum kopple ich das Stimmrechtsalter an die Volljährigkeit, weil nur diese Eigenverantwortung im Rechtsleben bringt.

Ich bin aber auch gegenüber jener Generation kritisch, in die ich hineinwachse. Halten wir uns dort mit unserer Stimme zurück, wo wir den Jungen die Zukunft verbauen. Denn wir müssen unsere Fehlentscheidung nicht ausbaden, weil wir dann kaum noch leben.

Ja

Die andauernden Schülerproteste befeuern nicht nur die Klimadebatte, sie rücken auch das Stimmrechtsalter wieder in den politischen Fokus. Es ist deshalb erfreulich, dass der Kantonsrat einen Vorstoss prüfen lässt, dass schon 16-Jährige wählen und abstimmen dürfen.

Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass ein politisches Interesse bei den Jungen vorhanden ist. In Zeiten, in denen wir über die Politikverdrossenheit der Bevölkerung jammern, sollten wir dieses Engagement keinesfalls abwürgen. Es ist nur fair, dass jene, die sich mit einem Thema auseinandersetzen, ein Mitspracherecht haben.

Ich weiss, es interessieren sich längst nicht alle Jugendlichen für Politik. Wahrscheinlich würde nur ein kleiner Teil seine Rechte wahrnehmen und an die Urne gehen. Aber: Tun das etwa alle Erwachsenen? Genau gleich ist es beim Kritikpunkt, die Jungen seien stark beinflussbar. Ist das bei Erwachsenen anders, etwa am Stammtisch?

Natürlich kann man argumentieren, das Stimmrechtsalter sei an die Volljährigkeit zu koppeln. Doch das ist unfair. Klar, ein 16-Jähriger fährt noch nicht Auto, könnte aber über ein Strassenbauprojekt abstimmen. Es geht bei allen Abstimmungen und Wahlen aber stets um die Zukunft - um Projekte, die vielleicht erst in fünf oder zwanzig Jahren umgesetzt sind. Und davon ist die nächste Generation betroffen.

Reden wir also nicht nur davon, man solle an die nächste Generation denken. Fördern wir nicht nur den Staatskundeunterricht in der Schule, um den Jugendlichen das politische System näherzubringen. Lassen wir diese nächste Generation auch mitentscheiden. Sonst riskieren wir, dass junge Menschen früh die Lust an der Politik verlieren, weil sie nicht eingebunden werden. Das wäre für unser Politsystem fatal.

Erstellt: 22.03.2019, 15:04 Uhr

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