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Wer vergisst so etwas?

Eine Kolumne von Christian Dietz-Saluz.

Ein Schuh – ein einzelner Wanderschuh machte mich stutzig. Er stand auf dem Trottoir, als ob der Besitzer während des Gehens daraus gestiegen und achtlos weitermarschiert wäre. Die nähere Betrachtung machte die Sache mysteriös: Der Schuh schien zwar nicht neu, aber keineswegs abgenutzt oder kaputt. Wo ist der zweite? Warum hat sich sein Besitzer von ihm getrennt?

Die Begegnung passte zu weiteren Begebenheiten in derselben Woche. Auf dem Arbeitsweg sah ich eine Wollmütze am Zaun aufgehängt, einen Handschuh auf einer Sitzbank und zwei Schals – einer durchnässt am Boden, ein anderer um ein Verkehrsschild gewickelt. Fortsetzung auf dem Schiff nach Wädenswil: Eine Kappe und ein Schal lagen verwaist auf dem Sitz. Wie kann man so etwas verlieren? Es sind ja Kleidungsstücke, keine Gegenstände wie Schirm oder Tasche, die man aus Versehen liegen lässt. Wenn plötzlich Kälte um Finger, Kopf und Hals streicht, muss man doch das Teil sofort vermissen und zurückgehen.

Meine Erklärung für die Nachlässigkeiten: Den Besitzern fehlt es nicht nur an Aufmerksamkeit, sondern auch an der Wertschätzung: Sie schreiben lieber das Stück ab, als dass sie sich ums Wiederfinden bemühen.

Am Feierabend krame ich in den Jackentaschen. Vergebens. Wo sind meine Handschuhe? Zurück zum Arbeitsplatz – Fehlanzeige. Um nicht das Schiff nach Stäfa zu verpassen, verlasse ich die Redaktion ohne sie. Unterwegs zweifle ich: Habe ich sie heute gar nicht angezogen? Zur Sicherheit frage ich die Schiffskassiererin. Sie hält mir die Fundkiste hin, in der immer noch die morgens von mir abgegebenen Schal und Kappe liegen – und meine Handschuhe. Ich hatte sie geistesabwesend mit überreicht. Ich schüttle nie mehr den Kopf über Verlorenes auf der Strasse.

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