Tribüne

Vorhang auf?

Eine Kolumne von Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf.

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Nach dem Züri Fäscht erst die grösste Technoparty der Welt, dann das 40. Zürcher Theaterspektakel mit Perlen aus Klein- und Grosskunst und nun das Zürcher Openair mit globalen und lokalen Musikgrössen –Zürich trifft sich auf und vor der Bühne. Und von da aus, Blick von unten her auf die Bühne, stellt sich immer wieder die Frage nach dem Wie. Wie kann ein Mensch diese Melodie, so ohrenscheinlich perfekt, komponieren? Wie sich diese Handlung mit dieser so unerwarteten Wende um den Klimax ausdenken?

Die Antwort lässt sich im alten Witz mit dem Pfarrer finden, der jahrelang um einen Lottogewinn betet, um das Kirchendach zu reparieren – bis er Gottes Stimme vernimmt, die ihn bittet, er möge doch nun endlich einmal einen solchen Lottoschein ausfüllen. Schon die Probleme, die sich ergeben, weil Menschen nicht wissen, wann sie aufhören sollen, sind massiv. Aber sie werden massiv getoppt durch vergebenen Chancen, die in der Alltagslethargie zwischen 9-to-Netflix gar nicht erst wahrgenommen werden.

So, wie nicht jeder Pfarrer einen Lottogewinn braucht, will nicht jede Person auf eine Bühne. Darum geht es hier aber auch nicht. Es geht um das Problem im Generellen. Um das Problem einer fehlenden, zeitgerechten, adäquaten Wahrnehmung eigener Chancen. Sinnkrisen bis hin zur Midlife-Crisis können nur entstehen, wenn rückblickend (theoretische) Chancen erkannt werden, die nicht genutzt worden waren. Chancen, die in Griffnähe lagen, halb erkannt wurden –und dann ganz verpasst.

Darum: Wenn Sie ein Stimulus in Ihrem Leben fasziniert, Sie psychisch und physisch die Konsequenzen, die realen, mit einer Sicherheit, die sich aus tiefem Innern speist, tragen können – dann, zur Hölle, geben Sie dem Stimulus nach! Beginnen Sie, Musik zu komponieren, schreiben Sie Theater, füllen Sie Lottoscheine aus, was auch immer! Und wenn Sie merken, dass Ihnen niemand zuhört oder Sie partout nicht gewinnen (was sehr wahrscheinlich ist …), hören Sie wieder damit auf. Diese Art zu leben braucht Mut. Gleichzeitig zählen Mutlosigkeit und verpasste Chancen zu den Punkten, denen Menschen am Lebensende am meisten nachtrauern. Darum: Sie leben einmal. Leben Sie jetzt. Die Bühne ist frei.

Erstellt: 23.08.2019, 11:36 Uhr

Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf.

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