Kolumne

Vom Winter des Lebens

Eine Kolumne von Joël Perrin.

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Ich bin ihm heute in meiner Rolle als Unterassistenzarzt in einem Regionalspital begegnet. Es war ein Wiedersehen – denn eigentlich glaube ich nicht, dass der Tod mir je wirklich fremd war.

Wer mit negativen Gefühlen auf die scheinbare Profanität reagiert, die der Tod als generelles Konzept durch die kurze Teilabhandlung in einer Kolumne erhält: Ist es nicht widernatürlich, ihm diese Banalität abzusprechen? Gerade in Zeiten, in denen Bewusstsein als sine qua non eines glücklichen Lebens angepriesen wird: Ist es nicht letzten Endes die vollumfängliche Akzeptanz seiner Endlichkeit, die es so wertvoll, einzigartig, und, ja, lebenswert machen?

Gesellschaftlich neigen wir dazu, das Ende der Lebensgeschichte in ein schwarzes Gewand des Totschweigens zu hüllen. Dabei passt «Licht ins Dunkle bringen» selten so gut wie hier: Der Sensemann, der als Schrecken arglistig im Ecken kauert, entpuppt sich als Freund Hein, wenn wir den Schalter betätigen. Damit soll dem Tod nicht der individuelle, teils unendliche Schmerz abgesprochen werden, den er zweifelsohne bedeuten mag. Nur: Auch wer vage wirklich unliebsame Verwandte zu Besuch erwartet, dem ist oft gut beraten, sich vorher mit ihrem Besuch auseinanderzusetzen.

Wie leidvoll wäre das Leben, verdammt zur Eintönigkeit im immer wahnsinniger werdenden Unendlichen. Wie lustlos wären Liebschaften, ohne den Schmerz, den ihr Erlöschen mit sich bringt. Und was wären Geschichte, ohne ein Ende – das in guten Geschichten oft erst die Tiefe der Erzählung ausmacht. Es mag uns während des Schreibens unerwartet die Mine brechen oder die Tinte ausgehen. Umso wichtiger ist es, sich der Form eines Kreises, als der einer ewig fortlaufenden Linie bewusst zu sein – um diesen zumindest anzudeuten. Denn dann lässt sich der Kreis in unzähligen, mikroskopisch kleinen, endlos langen Strichen ziehen, bevor man ihn schliesst.

Ich bin ihm heute in meiner Rolle als Unterassistenzarzt in einem Regionalspital begegnet. Es war ein Wiedersehen – denn eigentlich glaube ich nicht, dass der Tod mir je wirklich fremd war.

Erstellt: 15.11.2019, 15:10 Uhr

Joël Perrin, Slam-Poet, Männedorf.

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