Dorfgeflüster

Tell wurde in Stäfa geboren

Wie Schiller zu Wilhelm Tell kam und wieso Goethe den Stäfner Patrioten zum Nationalhelden hätte machen sollen. Eine Kolumne von Christian Dietz-Saluz.

Statuen zweier Helden: Der Patriot am Hafen Stäfa (links) und Wilhelm Tell am Marktplatz in Altdorf.

Statuen zweier Helden: Der Patriot am Hafen Stäfa (links) und Wilhelm Tell am Marktplatz in Altdorf. Bild: Christian Dietz-Saluz, Wikipedia

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Das Wissen ist nicht neu, aber erstaunlich unbekannt: Wilhelm Tell wurde in Stäfa zum literarischen Leben erweckt. Johann Wolfgang von Goethe weilte mehrmals in der Alten Krone, zuletzt 1797. Dort befand sich die Bibliothek der Lesegesellschaft, wo Goethe das erste Lexikon der Schweiz entdeckte. Im «Chronicon Helveticum» des Glarners Aegidius Tschudi taucht die Sagengestalt eines Freiheitshelden namens Wilhelm Tell auf.

Goethe fing Feuer und Flamme, weil solche Figuren damals den idealen Stoff für historische Dramen und Epen hergaben. Flugs begab sich der Weimarer auf Spurensuche in die Innerschweiz. Goethe schwärmte in einem Brief an Friedrich Schiller: «Ich bin fest überzeugt, dass die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen.»

Doch 1801 gab der Meister den Plan auf, aus der Sagengestalt ein Tell-Epos zu schreiben, und überliess den Stoff samt seinen Recherchen dem Freund. Schiller wusste, was damit anzufangen war. 1803 schrieb er seinem Verleger Christian Gottfried Körner: «Wenn die Götter mir günstig sind, das auszuführen, was ich im Kopf habe, soll es ein mächtiges Ding werden und die Bühnen Deutschlands erschüttern.» Wahre Worte: Am 17. März 1804 im Hoftheater in Weimar uraufgeführt, wurde der «Wilhelm Tell» zum Kassenschlager auf allen Bühnen – und die Schweiz hatte einen Nationalhelden.

Dass er einem Bücherschrank in Stäfa entsprungen ist, passt zur Geschichte des Dorfs. Hier steht auch der Patriot – Mahnmal des Aufstands der Untertanen 1794/95 gegen die hohen Herren in Zürich und Symbol für die moderne Demokratie. Eigentlich schade, interessierte sich Goethe mehr für eine Fabelfigur als für die Stäfner Patrioten. Die hätten ebenfalls Heldenstoff für die Literatur geliefert. Wenn sie bloss eine Armbrust benutzt hätten...

Erstellt: 23.01.2020, 09:08 Uhr

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