Tribüne

Scheitern, Scham und Demut

Eine Kolumne von Joel Perrin.

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Manche Erinnerungen gleichen flüchtigen Schatten, andere brennen sich wie Tattoos in die Linse des geistigen Auges. Zu den letzteren gehört mir die Erinnerung an einen befreundeten, routinierten Slampoeten, der bei einem der wichtigsten Auftritte des Jahres vor Hunderten von Menschen seinen Text vergass. Komplett. Mehrfach. Blackout. Scheitern.

Scham: Wenige Gefühle stecken auf der inneren Bühne der Emotionen hinter so vielen unterschiedlichen Masken. Wenige Gefühle stossen uns brutaler auf unser kindlichstes, verletzlichstes Ich zurück. Und mit wenigen Gefühlen wird in Zeiten der perfekt konstruierten Wahrheit verkrampfter umgegangen.

Uns fehlen Vorbilder einer gesunden Form des ungekünstelten Versagens, gerade in Hochburgen des scheinbar ewigen Erfolges wie Zürich. Siegen ist leicht – und Geschichten der guten Verlierer tendieren dazu, in Vergessenheit zu geraten. Folglich trifft es augenscheinlich immer die anderen ... bis man irgendwann selbst zu den anderen gehört. Die Folge: Wir ziehen immer engere Kreise, aus Angst, uns vorwärtsgehend zu verlaufen. Zum Schluss bleiben wir ganz stehen – denn irgendwie sieht das vorbeiziehende Leben, wenn man die Augen fest zusammenkneift, ebenfalls ein wenig wie Fortschritt aus.

Es geht nicht darum, künstlich Fehler zu machen: Es geht darum, sie bewusst und beherzt in Kauf nehmen zu können, um, wenn sie geschehen, nicht an ihnen zu zerschellen, sondern an ihnen zu wachsen. So mag das Leben zwar anstrengender werden. Aber auch bunter, intensiver und letztlich in einem humanistischen Sinne wahrer.

Demut. Der sonst routinierte Slam Poet rang mit sich auf der Bühne, er schwitzte Blut und Wasser, Unfassen und Schock ins schamrote Gesicht geschrieben – aber er hielt aus. Sechs Minuten lang. Mit gehobenem Haupt.

Wissen Sie, wie das Publikum reagiert hat, als er die Bühne verliess? Es hat geklatscht. In achtungsvoller Würde ob genau diesem Moment. Und ich konnte ebenjenen Text meines Freundes vor kurzem erneut hören. Er gehört zu den schönsten, die ich je geniessen durfte.

Erstellt: 24.05.2019, 11:18 Uhr

Joel Perrin Slam-Poet, Männedorf. (Bild: pd)

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