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Rückblick durch die Lebensröhre

Eine Kolumne von Jürg Acklin.

Wir nehmen es als selbstverständlich an, dass wir durch unser ganzes Leben mit uns identisch bleiben, wenn wir «Ich» sagen. Dabei ist es im Grunde eher erstaunlich, dass wir im Leben durch alle unsere Höhen und Tiefen im Kern dieselben bleiben: Ich bin ich, wenn ich ein Liebesgedicht von Goethe lese, oder wütend einem rücksichtlosen Autofahrer den Vogel zeige. Derselbe, wenn ich eine Denkaufgabe in Angriff nehme oder angeheitert einen Gassenhauer mitsinge.

In keinem Moment zweifle ich daran, dass ich das war. Wahrscheinlich geht es den meisten von uns so. Anders verhält es sich natürlich, wenn ein massiver Einsatz von irgendwelchen Drogen im Spiel ist, oder wenn eine massive psychische Störung vorliegt, wo sich das Ich gewissermassen aufspaltet.

Gerade wenn das Jahr noch jung ist, schauen wir zurück und rekapitulieren unsere jüngste Vergangenheit, bevor wir den Kopf drehen und mit neuem Elan das, was vor uns liegt in Angriff nehmen. In meinem Fall ist der Anlass dazu besonders gegeben, ich werde im Februar 75. Ich kann, wie alle älteren Menschen, durch eine lange, von verschiedenen Verwerfungen geprägte Lebensröhre hindurchschauen. Da hat sich allerlei geändert, unter anderem auch meine Einstellungen. Die Röhre verengt sich vielleicht da und dort, aber ich kann doch hindurchschauen, ich bin mit mir identisch geblieben. Da war nicht alles perfekt, bewahre, aber es muss nichts abgespalten werden: jeder vergangene Augenblick gehört zu mir, macht mich aus.

Dafür bin ich sehr dankbar und frage mich manchmal in ruhigen Momenten, weshalb das möglich wurde. Zum Teil ist es sicher auch Glück, aber ich glaube auch, dass ich bei meinen Eltern, auch bei harten, nicht zuletzt politischen Auseinandersetzungen mit meinem Vater, nie aus der Beziehung hinausgeworfen wurde, dass wir gewissermassen in derselben Röhre unsere Meinungsverschiedenheiten ausfochten.

Nie hatte ich das Gefühl, meinen Eltern fremd zu werden, auch wenn die Fetzen noch so flogen. Wahrscheinlich schafft das Vertrauen zur Welt und nicht zuletzt Vertrauen zu einem selbst.

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