Miniaturen des Alltags

Rassimus mit Rakete

Eine Kolumne von Philippa Schmidt

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«Wönd Sie no ä Rakete?», fragt die Kioskfrau, als sie einen Kunden vor mir bedient. Der Mann will und kann sich das Kultglace gratis aus der Tiefkühltruhe am anderen Ende des Ladenlokals holen. Vor mir steht noch ein weiterer Kunde, der nur eine Colaflasche kaufen möchte. Er bekommt das Raketen-Special nicht angeboten. Die Aktion kriegt man wahrscheinlich nur, wenn man beim Einkauf eine gewisse Summe ausgibt, überlege ich mir.

Als ich an der Reihe bin, bietet mir die Verkäuferin aber auch sogleich das Gratis-Eis an und schiebt eine Erklärung hinterher: «Wissen Sie, wenn ich sehe, dass sie eh kein Deutsch sprechen, dann sage ich nichts.» Das sei ihr zu kompliziert. Worauf sie anspielt, ist mir schnell klar, hatte der Kunde, der kein Eis angeboten bekam, doch eine dunklere Hautfarbe. Ein Wort gewechselt hatte sie mit ihm allerdings nicht. Ich muss an all die Menschen mit dunkler Hautfarbe in meinem Bekanntenkreis denken, die perfekt Deutsch sprechen. Sei es, weil sie hier aufgewachsen sind, sei es, weil sie adoptiert wurden.

Und selbst wenn der Mann kein Deutsch gesprochen hätte: Müssen nicht alle Kunden gleich behandelt werden? Die Frau hätte wahrscheinlich abgestritten, dass Rassismus hinter ihrem Verhalten steckt, und darauf hingewiesen, dass eine lange Schlange vor der Kasse stand. Doch es reicht, sich vorzustellen, man wäre selbst besagter Käufer gewesen. Das Glace hatte danach einen schalen Beigeschmack.

Erstellt: 06.08.2019, 10:51 Uhr

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