Tribüne

Mach dir ein Bild

Eine Kolumne von Henriette Meyer-Patzelt.

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Rund um den Zürichsee werden wir seit Wochen angelacht – von lächelnden Gesichtern auf den Plakaten zu den bevorstehenden Wahlen. Die Gesichter auf diesen Plakaten sind Bilder von Menschen, die wir kennen oder auch nicht. Sie wirken auf uns und die Person mag uns – allein schon vom Bild her – sympathisch erscheinen oder eher nicht.

Es macht Sinn, sich vor Wahlen ein Bild zu machen, worüber abgestimmt werden soll und welchem Politiker, welcher Politikerin wir unsere Stimme geben. So machen wir uns ein Bild von denen, die unsere Anliegen in der Öffentlichkeit vertreten sollen und auch ein Bild von Menschen in unserer nächsten Umgebung, vom Partner, von der Partnerin, von «Jung und Alt» in der Familie, von Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Wir machen uns ein Bild auch von unseren Lebensbedingungen, wie es um die Natur und das Klima steht, um Ab-und Zuwanderung, um Arbeit, um Frieden. Und – wir entwickeln innere Bilder, Visionen, wie Leben sein könnte. Was wären wir ohne unsere Bilder im Kopf und im Herzen?

Doch im Buch der Bücher wird dem Menschen geboten, sich «kein Bild zu machen von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist.» (Exodus 20,4) Doch heute wissen wir wie nötig wir es haben, uns immer wieder ein Bild zu machen, was auf der Erde und im Wasser unter der Erde ist.

Der Schriftsteller Max Frisch nimmt in seinem Tagebuch dieses Gebot aus dem Buch der Bücher so auf: «Du sollst dir kein Bildnis machen, heisst es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass begehen – Ausgenommen wenn wir lieben.» Und die Fortsetzung könnte lauten: Wenn wir lieben, bleibt das Bild, das wir uns von einem Menschen gemacht haben, nicht ein für allemal so, als ob wir den Menschen in eine Schublade gesteckt hätten. Wenn wir lieben, verändern wir auch unser Bild von der Erde und von allem, was auf ihr und unter dem Wasser lebt, damit unsere Erde bleibt. Wie sollten wir auch jemals das Ganze um uns herum erfassen können. Also: «Mach dir kein Bildnis – von allem – ein für allemal.»

Erstellt: 15.03.2019, 13:45 Uhr

Henriette Meyer-Patzelt, Reformierte Pfarrerin, Richterswil

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