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Justitia auf Irrwegen

Eine Kolumne von Michel Wenzler.

Als Gerichtsberichterstatter erlebt man hin und wieder irrwitzige Situationen, manchmal sogar schon weit vor dem Gerichtssaal. So geschehen neulich beim Bahnhof Meilen, als sich eine Dame bei mir nach dem Weg zum Bezirksgericht erkundigte. Sie wirkte etwas verloren. Man habe ihr gesagt, dass sie das Bahngleis entlanggehen müsse, erzählte sie, nur wisse sie nicht, wie weit. Natürlich wollte ich die Frau, die einen schweren Rollkoffer dabeihatte, nicht über das Ziel hinaus, womöglich gar bis Rapperswil, marschieren lassen. Deshalb erklärte ich ihr, dass ich ebenfalls ans Gericht müsse und sie mit mir kommen könne.

Nach einer Weile schien ihr meine Gesellschaft aber unangenehm zu sein. Kurz vor dem Gericht erkundigte sie sich: «Jetzt ist es also gleich um die Ecke und dann rechts?» Ihre Frage interpretierte ich dahingehend, dass sie die letzten Meter lieber alleine weitergehen wollte – weshalb ich bejahte und etwas zügiger vorausging. So konnte sie sich nicht verirren, hatte sie mich doch im Blickfeld.

Im Gerichtsgebäude verlor ich die Frau aus den Augen. Erst als die Parteien sowie die Rechts- und Medienvertreter für die anstehende Gerichtsverhandlung aufgerufen wurden, bemerkte ich sie wieder: Sie spazierte mit ihrem Rollkoffer in den Gerichtssaal und packte sogleich dicke Akten auf den Tisch. Wie sich wenig später herausstellte, handelte es sich bei der Ortsunkundigen, die das Justizgebäude nicht gefunden hatte, um die Staatsanwältin.

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