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Gratis ist immer noch viel zu teuer

Eine Kolumne von Christian Dietz-Saluz.

Ich liebe Schlitzohren. Sie schaffen es mit Charme und Witz, dass man ihnen nicht böse ist, wenn sie einen über den Tisch gezogen haben. Plumpe Tricks aber missachte ich. Diesen fehlt jegliche schelmische Kunst zur Täuschung oder Überredung. Zum Beispiel, wenn abgewohnte Möbel auf dem Trottoir deponiert werden. «Zum Mitnehmen» oder «Gratis!» heisst es auf darangeklebten Zetteln. Wie gönnerhaft. Da muss man doch zugreifen.

Den Stühlen, Kommoden, Regalen und Pulten ist schon von weitem anzusehen: Hier nagte nicht nur der Zahn der Zeit, sondern hinterliessen auch die Benutzer ihre Spuren. Abgewetzte Oberflächen, abgeschlagene Kanten sowie fehlende Knäufe ergeben einen erbärmlichen Eindruck – zu schäbig für jeden «Bring-und-hol-Tag». Am meisten ärgert mich, wenn dieser Sperrmüll trotz Schnees und Regens ins Freie gestellt wird, sodass sich bald die Kunststofffurnier an den Ecken wie Pagodendächer aufwölbt.

Beachtung finden diese Geschenke bestenfalls noch bei Vandalen, die mit Fusstritten das Zerstörungswerk beschleunigen. Von Einsicht zur pflichtgerechten Entsorgung ist keine Rede. Was einmal mit «Zum Mitnehmen» und «Gratis» rausgestellt wurde, gehört nun zum öffentlichen Gut. Aus den Augen, aus dem Sinn. Unsinn.

Ich ertappe mich, wie ich mir wünschte, den Besitzer ausfindig zu machen. Dann läutete ich an der Tür und schmisse den Müll am verdutzten Menschen vorbei in dessen Wohnstätte. Mit der Bemerkung «für wie blöd halten Sie uns, zu glauben, dass uns so ein Schrott interessieren könnte?» zöge ich von dannen – mit gestrecktem Mittelfinger und dem Grinsen eines Schlitzohrs.

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