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Eine Stunde kann alles verändern

Eine Kolumne von Christian Dietz-Saluz.

Der Alltag ist eine Summe von Gewohnheiten. Alles hat seinen Platz, seine Zeit, seine Menschen, seine Abläufe. Wie eingebrannt dieses Programm ist, merkt man, wenn ein Teil plötzlich aus der Reihe tanzt. Zum Beispiel, wer einmal eine Stunde früher zur Arbeit fährt – in meinem Fall mit dem Kursschiff von Stäfa nach Wädenswil. Um 7.44 Uhr, zu meiner Normalzeit, bin ich umgeben von vertrauten Gesichtern. Man kennt sich, grüsst sich, kommt schnell ins Gespräch mit den Mit-Pendlern.

Nicht so um 6.44 Uhr. Nur eine Stunde früher – und bin ich der Fremde. Der Aussenseiter unter jenen, die sich als Schicksalsgemeinschaft der Frühpendler verstehen. Gesprochen wird zwar weniger als eine Stunde später. Umso mehr drücken Körpersprache und Blicke aus, wer so früh am Morgen dazugehört und wer nicht. Ich werde mit Nichtbeachtung gestraft. Und was doch mir zugedacht wird, scheint eine hämische Botschaft zu enthalten: «So, hesch au emol früe usse müesse. Arms Kerli.»

Ich fühle mich nicht nur ausgeschlossen, sondern auch ein wenig beleidigt. Man traut mir offenbar nicht zu, dass ich ein extremer Morgenmensch bin, nur weil ich nicht regelmässig mit dem Frühschiff pendle. Wenn ihr wüsstet, dass ich um diese Zeit schon Gymnastik gemacht, die Zeitung gelesen und E-Mails beantwortet habe, denke ich mir. Ich leiste mir sogar den Luxus, früh aufzustehen, obwohl ich erst ab 8 Uhr zu arbeiten beginne. Was ihr Tag für Tag müsst, mache ich freiwillig. Ha!

Bevor meine kindischen Gedanken zu Ende gesponnen sind, ist schon Wädenswil erreicht. Eine lange Schlange wartet am Steg. Sonst sehe ich hier bloss eine Handvoll Leute. Nur eine Stunde – und die Welt dreht sich für mich anders.

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