Miniaturen des Alltags

Ein Schläfchen im Kinosessel

Eine Kolumne von Philippa Schmidt.

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Man hört, wie die Luft eingesogen wird, der Atem kurz stockt und dann lautstark wieder aus den Lungen entweicht. Was hier ertönt, sind die charakteristischen Geräusche von jemandem, der schnarcht. Doch diese durchbrechen nicht die Stille eines Schlafzimmers. Nein, ein Mann, der in einem Kinosaal unweit der Zürcher Langstrasse sitzt, gibt sie von sich. Es ist der letzte Tag des Zurich Film Festival, und auf der Leinwand wird eine Dokumentation über einen weltweiten Wirtschaftsskandal gezeigt, der von einem Netzwerk investigativer Journalisten aufgedeckt wurde. Schwere Kost also.

Dennoch drehen sich immer mehr Gesichter im voll besetzten Kino um, auf denen sich eine Mischung aus Belustigung und Ungläubigkeit zeigt. Ich selbst sitze, wie der Schlafende, in der letzten Reihe. In meinem Inneren herrscht ein Widerstreit zwischen peinlicher Berührtheit, einem sich anbahnenden Lachen und Mitleid. Soll ich den armen Kerl wecken? Lohnt sich das überhaupt noch? Schliesslich neigt sich der Film dem Ende zu. Doch das Schnarchen wird immer unverhohlener und lauter. Erst waren die Schnarcher nur vereinzelt zu hören, nun entwickelt sich fast ein Schnarchstakkato. Die ersten Leute im Publikum prusten los, und schliesslich lacht der ganze Kinosaal angesichts der eindeutigen Geräuschkulisse. Bevor ich mich aufraffen kann, um den mir fremden Mann doch zu wecken, flimmert der Abspann über die Leinwand – fast wie eine Erlösung. Auch der inzwischen Aufgewachte verlässt mit den anderen Kinobesuchern den Saal.

Ob er etwas von dem Geschehen mitbekommen hat? Dies interessiert mich auch deswegen, weil ich selbst schon im Kinosessel eingenickt bin. Etwas allzu Menschliches nach einem langen Arbeitstag. Wer weiss, was meine damaligen Mitschauer für eine Geschichte erzählen könnten?

Erstellt: 08.10.2019, 10:06 Uhr

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