Tribüne

Die Macht von Bildern und Worten

Eine Kolumne von Ursula Gut-Winterberger.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf der wunderbaren Piazza Grande von Locarno werden seit dem 7. August bis heute Abend die neuen Filme gezeigt. Auch in Sälen und Kinohäusern präsentieren sie sich, ergänzt durch die Retrospektive «Black Light», die sich der Rassenthematik widmet.

Die Bilder bewegen sich unterschiedlich schnell. Eindrücklich im Dokumentarfilm «Classified people» (1987 von Yolande Zauberman) die ruhige Kamera-Führung, die die einfache, klare Sprache und die Gelassenheit und Würde unterstreicht, die die alte farbige Südafrikanerin ausstrahlt. Sie erzählt das Schicksal ihres vom Apartheitsregime als «Mischling» klassifizierten Ehemannes, dessen Söhne aus erster Ehe aber als weiss anerkannt wurden.

Und wie lustig die Episode, wie sie ihren Hund aufruft zu singen! In «Yokogao» (A girl missing), dem neuesten Film des Japaners Koji Fukada unterstreichen die sich sorgfältig aneinanderreihenden Bilder, kombiniert mit verbaler und nichtverbaler Kommunikation, die sich anbahnende Katastrophe einer zu Unrecht beschuldigten, durch Medien verfolgten jungen Frau umso deutlicher. Im neuen sehenswerten Schweizer Film «Wir Eltern» von Eric Bergkraut und Ruth Schweikert scheinen mir die Dialoge stärker als die einzelnen Bilder.

Nun freue ich mich wieder auf das Wort – das Wort ohne Bild! Die Macht der ersten Worte in einem Roman: «Was ist das. – Was – ist das…» - «Je den Düwel ook, c‘est la question, ma très chère demoiselle!» (Thomas Mann, Buddenbrooks), und man muss einfach weiterlesen. Jedes Jahr, wenn der Zürichsee nach «Sommer» riecht, geht mir der Beginn eines Liedes, das der Fischerknabe in Schillers Tell (Kapitel 2) singt, durch den Kopf: «Es lächelt der See, er ladet zum Bade». Allerdings, so lieblich das Lied beginnt, so unheilvoll endet es.

Faszinierend und irritierend die Kombination der beiden Mottos bei Charles Lewinsky, Der Stotterer: «Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht» (Johannes 8, 45) und «Die Wahrheit kann warten, denn sie hat ein langes Leben vor sich» (Arthur Schopenhauer). Was ist wahr, und was ist geflunkert in den Geschichten, die der Stotterer dem Padre erzählt? Die Wahrheit ist auf Seite 95 noch offen.

Erstellt: 16.08.2019, 14:03 Uhr

Ursula Gut-Winterberger, Regierungsrätin 2006–2015, Gemeindepräsidentin Küsnacht 1998–2006.

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben