Tribüne

Die Frösche schwärmen aus

Eine Kolumne von Jürg Acklin*.

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Jetzt ist es wieder so weit: Die Frösche schwärmen aus, kriechen und hüpfen nachts im sanften Frühlingsregen, nebeneinander, aufeinander, zielgerichtet zu den Tümpeln, zu den Weihern, um zu laichen und ihren Fortbestand zu sichern. Der Krötenlaich unter dem Wasserspiegel sieht aus wie aufgereihte Perlen, wie Rosenkränze im geheimnisvollen Halbdunkel zwischen den Pflanzen. Der Laich der Frösche schwimmt unter der Wasseroberfläche, sammelt sich in grossen gallertartigen Klumpen.

Die Strassen unmittelbar neben den Biotopen sind nachts gesperrt zum Ärger der Autofahrer, zur Freude der Frösche und Kröten, die früher zuhauf zerquetscht auf dem Asphalt lagen nach den Massakern in der Nacht. Ihr Bestand war und ist immer noch gefährdet, dabei sind die Lurche eigentlich Überlebenskünstler. Sie gedeihen fast in allen Klimazonen. Aber ihr genetisches Programm, sich immer wieder im gleichen Biotop zu vermehren, wird ihnen zum Verhängnis, dem Verkehr sind sie ausgeliefert.

Sehen sie nicht aus wie verwunschene Menschlein, ebenso verletzlich wie wir? In alten Kinderbüchern werden sie bekleidet als Familien gezeigt: Alle sitzen friedlich am Tisch, der Grossvater schmaucht im Lehnstuhl gemütlich sein Pfeifchen.

Vor sechzig Jahren musste noch jeder Schüler im Gymnasium Frösche sezieren, sie wurden mit Nadeln aufgespannt und sahen aus wie der Heiland am Kreuz. Froschschenkel galten als kulinarische Delikatesse. Man fing die kleinen Lebewesen, schnitt ihnen die Schenkel ab und warf sie zurück ins Wasser. Als Kind hob ich kleine Teiche aus im Garten, bestrich sie mit Lehm, fing einige Frösche im benachbarten Rumensee und liess sie im Gartenteich wieder frei. Am nächsten Morgen war das Wasser versickert und die Frösche waren abgehauen zurück an ihren angestammten Ort.

Heute im Alter freue ich mich über das laute Quaken der Wasserfrösche im Hochsommer, wenn sie zwischen den Seerosen schwimmen und ihren Kehlsack blähen: Das klingt wie Frohlocken des Lebens schlechthin.

Erstellt: 08.03.2019, 17:27 Uhr

*Jürg Acklin, Schriftsteller und Psychoanalytiker, Küsnacht.

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