Miniaturen des Alltags

Der ersehnte Punkt

Eine Kolumne von Daniel Hitz.

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Es geht um jenen Kaffee, diesen einen Kaffee, der für die Nase verführerisch, für den Kopf wachrüttelnd und die Zunge blasenbildend heiss so braungebrannt in einer porzellanenen Tasse wellenlos und unberührt, ungebraucht und ungenossen langsam abkühlt, weil die Aufmerksamkeit sich nicht dem braunen Aufgussgetränk gerösteter Bohnen widmen will – ja nicht widmen kann –, weil sämtliches Augenmerk von einem dieser endlosen Sätze absorbiert wird, die in Gerichtsurteilen lauern, sich in technischen Abhandlungen verstecken, in behördlichen Reglementen schlummern, ja in diversen als aufschlussreich beworbenen Dokumenten hausen, deren Sätze im Aufbau von einer Länge und Komplexität sind, die jeglichen Kaffeetrunk verunmöglichen, weil man vor dem nächsten Schluck doch nur noch kurz den einen Satz fertig lesen will, dessen eigentlich so selbstverständliche Information in einem ebenjener Schachtelsätze verpackt ist, die durch ihre Länge so unaufhörlich, unerträglich, unaussprechlich und unverständlich werden, dass sämtliches Durchhaltevermögen des Lesers oder der Leserin auf die Probe gestellt wird und dadurch wohl kaum noch einer den Satz zu Ende zu lesen vermag, der von Einschüben und Nebensätzen, Gedankenstrichen und Konjunktionen, Semikola und Kommata so durchzogen ist, dass es zu einem Vergehen an der Leserfreundlichkeit kommt, deren Täter eine Armee aus Parataxen ist, die jede Syntax zur sich selbst in den Schwanz beissenden Schlange macht, sodass niemand mehr versteht, wovon ein schier endloser Satz wie dieser hier eigentlich handelt, bei dessen Lektüre man nur will, dass der so erwünschte, innig ersehnte Punkt als Gnadenbringer doch endlich kommen möge, weil der Leser wohl sowieso schon längst vergessen hat, dass es in diesem Satz also, den er hier gerade liest, doch eigentlich nur um einen mittlerweile kalten Kaffee geht.

Erstellt: 22.10.2019, 10:23 Uhr

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