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Der blinde Hörer

Eine Kolumne von Linus Kamber.

Meine Dioptrien haben solch hohe Minusgrade, dass die immer wärmer werdenden Winter vor Neid schneebleich würden. Jedoch fühle ich mich in meinem Blickfeld nicht eingeschränkt – im Gegenteil: Seit ich weiss, dass ich kurzsichtigbin, bin ich der festen Überzeugung, dass ich ungleich besser höre als meine Mitmenschen.

Ein Beispiel: Beim Campen mit der Primarschule im Küsnachter Tobel vor sieben Jahren, wurden wir in Zweier- oder Dreier-Zelten zusammengepfercht, um wohl die Kunst der Klaustrophobie zu erlernen. Lange Rede kurzer Sinn: Als die Dunkelheit über den windigen Wald einbrach, musste ich mich, obwohl sich alle schon im Schlummerland befanden, dem Inhalt meiner Blase entledigen. Ich wandelte also – ohne Brille – mit bedacht langsamen, träumerischen Schritten aus dem Zelt und in das ungewisse, besorgniserregend schwarze Dickicht des mich umgebenden Waldzaubers. Wasser wurde gelassen, das Harz wurde geharnt, und ich konnte die Rückkehr in die Zeltsiedlung antreten.

Nun war ich zurück, und vor mir offenbarte sich ein Meer aus schlecht gebauten Plastikzelten. Ich schlüpfte in das meinige und schloss, voller Tatendrang, nichts mehr zu tun, die Augen. Ich hatte die Brücke zum Unbewussten schon fast überschritten, als ich weithin hörbar von einem Schrei neben mir geweckt wurde. Ich war im falschen Zelt: Erklärungsnot, Scham, Verlegenheit. Was mir in dieser Nacht unübersehbar aufgezeigt wurde: Ich sah nicht, dass das nicht mein Zelt war, ich hörte es dafür umso besser.

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