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Das Gewohnheitstier in mir

Wenn die Macht der Gewohnheit stärker ist – eine Kolumne von Francesca Prader.

Gewohnheiten sind eine schöne Sache. Sie geben einem ein heimelig vertrautes Gefühl und ermöglichen es, das Ruder für ein paar Momente den Automatismen zu überlassen. So nehme ich werktags jeweils nicht nur stets den gleichen Zug, um zur Arbeit zu fahren, sondern setze mich in der Regel auch auf den gleichen Platz— seeseits am Fenster in einem Zweierabteil mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Da ist die Chance, dass sich niemand neben einen setzt, am grössten, was dem morgens besonders ausgeprägten Höhlenmenschen in mir sehr zugute kommt. Gleichzeitig lässt sich der Arbeitsweg fast ohne Nachdenken hinter sich bringen, denn bis auf den gelegentlichen Gleiswechsel bleibt immer alles beim Alten.

Doch auch die liebste Gewohnheit wird zum Problem, wenn eine höhere Macht die eingespielten Pläne urplötzlich auf den Kopf stellt. In diesem Fall in Gestalt der SBB: Seit Anfang Jahr setzen diese nämlich auf meiner morgendlichen Strecke ein anderes Zugmodell ein. Das bedeutet eine weitere Strecke bis zur zweiten Klasse und vor allem eine andere Verteilung der Sitze. So suche ich vergeblich nach meinem geliebten Zweierabteil und finde mich schliesslich seitwärts fahrend zwischen anderen Pendlern eingepfercht wieder. Nicht hilfreich ist zudem, dass der Zug seit dem Wechsel Tag für Tag derart verspätet losfährt, dass ich eigentlich auch einen späteren Zug nehmen könnte. So sinkt die Stimmung jeweils rapide, sobald das Gleis mit dem «falschen» Zug in Sichtweite kommt.

«Warum nimmt sie dann nicht einfach den späteren Zug?», mag man sich berechtigterweise fragen, und ich gebe zu, dass ich inzwischen tatsächlich in Betracht ziehe, meinen Arbeitsweg anders zu organisieren. Doch noch ist die Macht der Gewohnheit stärker.

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