Tribüne

Ankommen – im Advent

Eine Kolumne von Henriette Meyer-Patzelt.

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Manchmal komme ich nicht an in diesen Tagen, dort, wo ich ankommen möchte. Ich finde zum Beispiel keinen Parkplatz im Dorf und drehe noch einmal eine Runde in der Hoffnung, irgendwo sei inzwischen vielleicht ein Parkplatz frei geworden. Wenn dies nicht der Fall ist, entscheide ich mich: «Ich versuchs ein andermal wieder, in dieses oder jenes Geschäft zu kommen.»

Oder ich komme in diesen Tagen mindestens nicht in der gewünschten Zeit dort an, wo ich eigentlich ankommen möchte. Päckchen, die an Weihnachten im Ausland ankommen sollen, müssen rechtzeitig zur Post gebracht werden. Doch statt gleich vorn beim Schalter anzukommen, habe ich mich, mit meiner Nummer in der Hand, in die immer länger werdende Warteschlange einzureihen. «Die Zeit läuft mir davon», denke ich, «Geduld ist angesagt in diesem vorweihnächtlichen Treiben.»

In der Warteschlange bei der Post fällt mir der Gedanke zu: «Ja, komme ich überhaupt an mit meinen Weihnachtsgeschenken in diesem Jahr? Könnte der oder die Beschenkte mit meinem Geschenk möglicherweise gar nichts anfangen?» Es täte mir leid, wenn dem so wäre. Dann hätte die Person halt einfach Pech gehabt – oder ich.

Ankommen – so oder so.

Solange es sich nur um die Geschenke handelt, lässt sich ein Fehlentscheid wegstecken. Anders fühlt es sich an, wenn wir merken: Ich komme nicht an bei anderen Menschen. Da mag mich jemand nicht oder hat Mühe mit dem, was ich denke oder wie ich lebe.

Und nochmals anders fühlt es sich an, wenn wir merken: Ich komme bei mir selber nicht (mehr) an, weil ich mich in den Anforderungen des Alltags verloren habe?

Kürzlich bemerkte ich nach einem langen Arbeitstag während eines Abendspaziergangs einen grossen goldenen Stern, den ich nicht gleich verorten konnte. Ich blieb stehen und schaute genau hin. Da erkannte ich: Der helle Stern befand sich an der höchsten Stelle eines Auslegerkrans. Ich staunte: Welch ein Leuchten! War ich in diesem Augenblick für einen Moment angekommen bei mir selber – im Advent?

Erstellt: 06.12.2019, 14:15 Uhr

Henriette Meyer-Patzelt, Reformierte Pfarrerin in Richterswil. (Bild: pd)

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