Tribüne

Am Samichlaus beim Zahnarzt

Eine Kolumne von Jürg Acklin.

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Es ist ein Weilchen her – ich bin inzwischen stolzer Grossvater – als ich als vierjähriger Bub plötzlich Zahnschmerzen bekam. Es war kein gewöhnlicher Tag,es handelte sich um den 6. Dezember, am Abend sollte der Samichlaus bei uns vorbeikommen. Unser Zahnarzt war bereit, sich um den Plagegeist in meinem Mund zu kümmern. Zwei väterliche Autoritäten an einem Tag: Vor dem einen, dem Samichlaus, hatte ich Respekt, vor dem andern beziehungsweise vor seinem Bohrer, fürchtete ich mich. Zu gut erinnerte ich mich an das surrende Geräusch und den plötzlich heftig zuckenden Schmerz, wenn der spitzige, rasend rotierende Stift meinen Nerv traf.

Zuerst ein banges Warten, aber meine Mutter verstand es, mich abzulenken. Du musst ja noch einen Samichlausvers auswendig lernen, meinte sie aufmunternd und sprach mir verschiedene vor. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren, schaute nur gebannt auf die Tür zum Ordinationszimmer, hinter der sich der Folterstuhl verbarg. Die Gnadenfrist zog sich in die Länge, aber mehr als zwei Zeilen konnte ich nicht in Erinnerung behalten. «Der Samichlaus wird schön enttäuscht sein,wenn Du wie ein stummer Fisch vor ihm stehst, ohne ein Wort zu sagen», mahnte mich die Mutter. «Ich habe kein Zahnweh mehr», rief ich verzweifelt, als sich die unheilvolle Türe öffnete und die Zahnarztgehilfin heraustrat. «Kein Zahnweh mehr!», wiederholte ich entschlossen. Aber schliesslich sass ich auf dem Ungetüm von Stuhl im starken Arm des Zahnarztes.

«Nur ein kleines Loch, das spürst du kaum. Du musst den Mund offen halten», rief der Zahnarzt freundlich, aber bestimmt. Ein vibrierendes Surren, einmal, zweimal, dreimal, dann ein kurzer zuckender Schmerz. Schon fast fertig, nur noch polieren, das spürte man kaum, und dann die Füllung. «So, du warst schön tapfer, das muss deine Mutter dem Samichlaus sagen. Was sagst du ihm für ein Versli auf?» «Eben weiss er noch keines», antwortete die Mutter für mich. Da legte mir der Zahnarzt die Hand auf den Kopf und sagte: «Ich kenne ein kurzes: Ich bi no chli und weiss nöd viel, aber mis Herzli lüchtet wien es Wiehnachtscherzli.‘

Am Abend stand ich vor dem Samichlaus und sagte stolz mein Versli.

Erstellt: 29.11.2019, 13:13 Uhr

Jürg Acklin, Schriftsteller und Psychoanalytiker. (Bild: pd)

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