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Am Idiotenhügel

Michael Wiederstein hasst den Mischgestank aus lauwarmer Käseschnitte und kalten Füssen in der überhitzten Bergbeiz bei Schlagern aus der Konserve.

Ich liebe die Berge. Und vor allem die Schweizer Berge. Sie sind anders als ihre Gegenüber in Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland: Stotziger, oft spannender gefaltet, gestapelt, an den richtigen Stellen abgebrochen oder abgerutscht. Es gibt für mich im Sommer also eigentlich nichts Schöneres als die Ankunft auf einer Berghütte nach langem Zustieg.

Das Problem: Da ich keinen Wintersport treibe, sind Pilatus, Poncione d‘Alnasca und Piz Lischana während der kalten Hälfte des Jahres schlicht unbrauchbar – von November bis Mai stehen sie einfach nur im Weg. Hübsch, ja, aber ein Fall für die Tunnelbohrmaschine.

Natürlich: ich könnte mich brutal verschulden und in einem dieser Schweizer Chalet-Disneylands Skifahren lernen. Vielleicht noch ein paar Hunderter drauflegen, um mir eine anständige Ausrüstung zuzutun. Am Ende das übrig gebliebene Kleingeld für billigen Sonnenschutz zusammenkratzen. Und mir in der Grossküche eines der für die Onlineportale schönfotografierten Hotels noch einen Tagespass erspülen … aber ehrlich?

Ich hasse es, Anzustehen, egal ob auf oder neben der Piste. Ich hasse alle Kombinationen aus Schweiss und Polyester. Ich hasse Plastikklötze am Bein, erst recht, wenn man sie – in schweren Handschuhen, bei beschlagenem Visier, erfolglos fummelnd wie ein Teenager beim ersten Date – dann auch noch irgendwo einklinken muss. Und am meisten hasse ich den Mischgestank aus lauwarmer Käseschnitte und kalten Füssen in der überhitzten Bergbeiz bei Schlagern aus der Konserve.

Aber: Die Kinder sollen’s lernen. Mal einfacher haben als der Papa. Damit sie‘s nie um der Ausrede willen hassen müssen. Und irgendwer muss mit ihnen ja zum Idiotenhügel kommen. Ein «Grüezi» aus der Vorhölle: Du stehst an, schwitzt wie verrückt, frierst dir vor den in jeder Hinsicht fragwürdig zusammengezimmerten Globi-Fast-Food-Büdchen auf dem Kunstschnee die Füsse ab, während du auf die lauwarme Käseschnitte wartest – tust das alles aber nicht für dich, sondern für die Kleinen; während du ihnen zuschaust, wie sie nach nur drei Mal umfallen eleganter die Piste runterwedeln als du das je tun je wirst. Dann, genau dann, stellst du fest, dass die Berge im Winter nur dann nicht im Wege stehen, wenn du sie zu diesem Zwecke mal gebrauchen könntest.

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