Tribüne

Stille Wasser und heisse Rhythmen

Eine Kolumne von Joël Perrin.

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Nach einer Woche nun sind die letzten Bässe in den Gassen um das Zürcher Seebecken endgültig verhallt, die endorphin-, alkohol- und nikotingeschwängerte Luft nimmt wieder jungfräulichere Düfte an, und der Kontrast zur Stille, die einkehrt, macht es wert, über eben diesen Kontrast zu schreiben.

Feurige Ekstasen machen im dionysischen Sinne durch ihre unzähmbaren Lust, ihre Rauschhaftigkeit, ihre Form des formensprengenden Schöpfungsdrangs das Leben auf anarchische Weise lebenswert. Was der extrovertierte Pan in uns aber, seine Syrinx überblasend, dann regelmässig und zu Unrecht in den Hintergrund zu drängen droht, sind die leiseren, sanfteren, strukturierteren Kithara-Klänge des Apollon.

Wir alle tragen Züge dieses dichotomen Wesenspaares in uns – manche mehr, manche weniger: Die einen schreien «Wein, Weib und Gesang!»; die anderen denken sich «Tee, Buch und Stille» – und finden dies mindestens so begehrenswert.

Eher dionysische Menschen muss man, wenn, dann aktiv vermeiden. Man findet sie aufgrund ihres Wesens überall, immer und sofort. Eher apollinische Menschen muss man, wenn, dann aktiv suchen gehen – sie fühlen sich alleine oft weniger einsam als in einer Gruppe wilder Gesichter; dabei sind sie in keiner Hinsicht weniger farbentief, weniger wichtig oder weniger kraftvoll, im Gegenteil. Sie spielen nicht minder wichtige Rollen auf Bühnen des Alltags wie auf Brettern des Slams. Es sind Stimmen der Logik. Des Fokussierens. Des Durchatmens. Des Besinnens.

Es geht, im Ganzen, weniger um Wertung als vielmehr um Bewusstsein. Ein Bewusstsein, dass die wertvollen Pianissimi und Pausen in der gesellschaftlichen Sonate ebenso zu würdigen sind wie die Trommelwirbel, in welchen sie oft untergehen.

Dass die Apollos in und unter uns essenziell sind für das persönliche wie das breitere soziale Wohl, wussten bereits die Griechen – und liessen Apollon im Musikwettstreit gegen Pan dann sogar gewinnen. Die scheinbare Stille nach dem Züri-Fäscht … und vor dem nächsten.

Erstellt: 12.07.2019, 15:15 Uhr

Joël Perrin Slam-Poet, Männedorf.

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