Tribüne

Generation ohne Perspektive?

Über den vermeintlichen Fehlstart der Generation Y – eine Kolumne von Michael Wiederstein.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nicht enden wollende Ketten prekärer Gelegenheitsjobs, Drogen, nur «Casual Sex», stets bereit für das Erklimmen der Karriereleiter, dann aber eiskalt von der Seite abgegrätscht oder von oben ins Gesicht getreten: In Frankreich wurde Marion Messina für ihren Milieu-Roman «Faux Départ» (Deutsch: «Fehlstart») schon als «Erbin von Houellebecq» gefeiert.

Die 1990 geborene Autorin liefert 300 Seiten prächtig formulierte Tristesse, mit letzterer kämpft auch nicht irgendwer, sondern die junge Zukunft Frankreichs, mitten in Paris. Ein virulentes Thema: «Fehlstart» ist nur eins von vielen aktuellen Büchern, die sich mit der vermeintlichen Unmöglichkeit des sozialen Aufstiegs in Europa beschäftigen. Wenn junge Literatur also so etwas ist wie der Seismograf für Probleme unserer Gegenwart, muss man sich wirklich Sorgen um die Generation Y machen?

Nein. Denn das Lamento über herrschende Unkultur, den Verfall der Sitten oder die Herrschaft des Geldes ist so alt wie die Literatur selbst. Jede Epoche hatte ihre krähenden Kulturkritiker, meist echte «One-Trick-Ponys» im Anprangern gesellschaftlicher Missstände unter Rückgriff einzig auf die eigene Lebenswelt (und ihre Vorurteile). Wo sie das Ganze nicht Philosophie, sondern Literatur nannten, schmückten sie es böse aus – je jünger, desto blumiger.

Die Statistik allerdings war nur selten auf ihrer Seite. So auch bei Messina: Noch nie hatten in Frankreich so viele junge Menschen eine so gute Ausbildung und einen anständig bezahlten Job, bessere Aussichten auf Aufstieg oder mussten zum nächsten Theater kürzere Distanzen zurücklegen. Nicht das System ist kaputt, viele Twentysomethings sind nachweislich schlicht zu anspruchslos. Dass ihre Lebenswelt sich weiter anonymisiert, manchmal fast «aseptisch» anmutet, sorgt dann zuverlässig dafür, dass süffige Rundumschläge gegen diesen Trend immer im Trend liegen.

Die Statistik lügt auch hier nicht: Stimmen, die uns einbläuen, alles sei falsch, sinnlos, dreckig und dumm, und nur wir hätten’s (mit der Autorin) durchschaut, verkaufen sich hervorragend. Anlass zur Sorge gibt deshalb eher, dass wir diese simple Masche rund 2500 nach Platon und 120 Jahre nach Nietzsche noch immer nicht durchschauen.

Erstellt: 14.02.2020, 12:50 Uhr

Michael Wiederstein, Publizist und Executive Editor bei getAbstract. (Bild: pd)

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!