Kommentar

Warum Mario Fehr immer aneckt – und immer gewinnt

Ein Regierungsrat, ein Fussballspiel, ein Bier und eine heikle Frage. Warum die «Winterthurer Bierdusche» für so viel Aufsehen sorgt.

Die Bierdusche für Sicherheitsdirektor Mario Fehr auf der Schützenwiese im Mai 2017 sorgte für Schlagzeilen.

Die Bierdusche für Sicherheitsdirektor Mario Fehr auf der Schützenwiese im Mai 2017 sorgte für Schlagzeilen. Bild: Keystone

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Winterthur steht wieder einmal in den Schlagzeilen, dank der «Bierdusche» von Regierungsrat Mario Fehr (SP) auf der Schützenwiese. Der Vorfall erregt so viel Aufsehen, weil er alle Elemente einer Skandalgeschichte hat, wie ein gutes Theaterstück: einen umstrittenen Star, eine volksnahe Bühne, einen politischen Hintergrund und einen heiklen Kern.

Die Handlung: Am 13. Mai 2017 besuchte Sicherheitsdirektor und Zürich-Fan Fehr das Derby zwischen FCW und FCZ in Winterthur. Die Heimmannschaft verlor 0:3. An diesem Abend ging einiges schief: Ein Böller wurde aufs Spielfeld geworfen. Am Hauptbahnhof traf ein geworfener Schachtdeckel einen Fan am Kopf. Und Mario Fehr wurde in der Stadionbar ein Becher Bier über den Kopf geschüttet. Alle drei Vorfälle hatten - und haben - ein Nachspiel. Die «Bierdusche» ist nicht der fatalste, aber der süffigste Teil dieser Trilogie.

Die Hauptrolle: Man stelle sich vor, eine andere Politikerin oder ein anderer Politiker wäre vor einem Jahr in Winterthur mit Bier übergossen worden. Der Vorfall wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit längst vergessen, sicher hätten die «Republik» und der «Tages-Anzeiger» nicht lange nachrecherchiert, die «Bierdusche» würde nicht im Kantonsrat diskutiert und sie wäre auch nicht Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage. Doch wenn es um Mario Fehr geht, ist alles anders. Fehr ist ein linker Machtpolitiker. Das alleine ist für einen Teil der linken Szene schon ein Problem. Der Streit zwischen linken Pragmatikern und Ideologen ist ein ewiges Drama. Fehr ist da die perfekte Reizfigur. Das zeigte sich letztmals im Februar 2017 als zwischen Juso und SP ein Streit über Fehrs Asylpolitik entbrannte. Es wurde von Parteispaltung gesprochen, die Affäre gipfelte im Rücktritt von Parteipräsident Daniel Frei. Fehr bietet auch sonst viel Reibungsfläche: Er pflegt einen hyperaktiven Stil des Politisierens. Davon können viele Politikerinnen und Politiker sowie Journalistinnen und Journalisten ein Lied singen. Und er ist selbstverliebt, geradezu besessen davon, sein Image in den Medien zu kontrollieren. Ohne Mario Fehr, den Star, die Diva, wäre das Stück «Bierdusche» nicht halb so spannend.

Die Bühne: Schauplatz ist die Winterthurer Schützenwiese, ein Fussballstadion, Heimat einer der meistgelobten Fanszenen der Schweiz. «Bierdusche» reimt sich auf Bierkurve. Hintergrund ist damit auch die hoch aktuelle Diskussion um Toleranz und Gewalt im Fussball. Und wieder spielt Fehr die entscheidende Rolle: Er hat sich als Befürworter einer harten Gangart gegen Fussball-Hooligans exponiert, er ist in breiten Fankreisen unbeliebt - und trotzdem ist er Fussballfan. Es war ihm mit Sicherheit klar, dass er aneckt, wenn er in der Libero-Bar auftaucht. Man kann ihn für diese Provokation kritisieren. Gleichzeitig ist aber unbestritten, dass ein Regierungsrat in jeder Stadionbar im Kanton ungestört ein Bier trinken können muss.

Der politische Hintergrund: Heute in elf Monaten wird der Regierungsrat neu gewählt, der Wahlkampf hat längst begonnen. Mario Fehr hat soeben bekannt gegeben, dass er wieder kandidieren wird. Für die Bürgerlichen ist er damit einer der prominentesten Gegenspieler. Dass seine Person die Linke spaltet, ist gleichzeitig einer der Trümpfe der bürgerlichen Seite. Würde Fehr tatsächlich nächsten Frühling als Parteiloser antreten, wäre das ein Tiefschlag für den linken Wahlkampf. Nichts als logisch, dass die SVP das Thema in den Kantonsrat getragen hat. Ebenso ist die Taktik der AL klar, die der «Bierdusche» eine Anfrage widmet: Sie will die Machtpolitik Fehrs anprangern und sich selbst als linke Alternative präsentieren.

Der heikle Kern: Hat Mario Fehr als oberster Chef der Sicherheitsdienste die polizeilichen Ermittlungen unzulässig beeinflusst? Genoss er eine ungebührliche Sonderbehandlung? Das sind die staatspolitisch relevanten Fragen. Wenn sich Fehr da einen Misstritt geleistet hat, dann ist die Geschichte mehr als eine Posse. Beantworten kann man die Fragen bisher nicht. Gut möglich, dass sie nie abschliessend geklärt werden. Hätte Fehr direkt Einfluss genommen, wäre dies eine Überraschung. Dafür ist er viel zu sehr Politprofi. Ob die Polizeien für ihren Chef zu eifrig ermittelten, ist schwer zu beurteilen. Der Übergang zwischen ungebührlicher Bevorzugung und für ein Regierungsmitglied verständlicher erhöhter Aufmerksamkeit ist fliessend.

Das offene Ende: Mario Fehr konnte sich bisher stets auf seinen untrüglichen Instinkt dafür verlassen, was in der breiten Bevölkerung gut ankommt. Das zeigen seine hervorragenden Wahlresultate, und jetzt auch die Publikumsreaktionen zur «Bierdusche». Die einen finden es gut, dass er sich diese Behandlung nicht gefallen liess. Die anderen befürworten, dass er sich mit dem Missetäter aussergerichtlich einigte. Dass er seine Machtposition allenfalls ausgenutzt hat? Da bisher nichts bewiesen ist, bleibt an ihm nicht viel kleben. Dafür hat Mario Fehr wieder einmal viel Aufmerksamkeit gewonnen – wie immer.

Erstellt: 24.04.2018, 15:36 Uhr

Jakob Bächtold, Stv. Chefredaktor (Bild: Madeleine Schoder)

Unser Haus-Cartoonist Ruedi Widmer zur Bierdusche «Mario». Klicken Sie auf das Bild für eine grössere Ansicht. (Bild: Ruedi Widmer)

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