Leitartikel

Raser müssen abgeschreckt werden

Wie bremst man Raser aus? ZSZ-Reporter Pascal Jäggi zur Situation auf den Strassen der Region und der Grundsatzfrage, ob ein härteres Strafmass der richtige Ansatz gegen rücksichtslose Autofahrer ist.

Alle sind sich einig: Es muss weniger Tote und Schwerverletzte im Strassenverkehr geben. Die Entwicklung ist positiv, obwohl immer mehr Fahrzeuge die Strassen befahren. Starben 1970 in der Schweiz noch 1700 Personen im Strassenverkehr, waren es 2016 216. Seit dem Jahr 2000 sind die Todesfälle um 64 Prozent zurückgegangen. Neben sichereren Autos dürften die gesetzlichen Grundlagen einen grossen Einfluss auf diese Reduktiongehabt haben. Die Senkung der Promillegrenze von 0,8 auf 0,5 etwa, die Schaffung von Tempo-30-Zonen oder die härteren Strafen für Schnellfahrer, der sogenannte Raser-Artikel. Dieser trat am 1. Januar 2013 in Kraft. Er soll nach dem Willen des Bundesrats, des Ständerats und der Verkehrskommission des Nationalrats schon wieder aufgeweicht werden. Das wäre ein grober Fehler.

Ja, die Strafen für Raser sind hart, sehr hart. Der Fahrausweis wird den Fehlbaren für mindestens zwei Jahre entzogen. Zwölf Monate Freiheitsstrafe bedingt sind das Minimum. Neu soll die Strafe um die Hälfte reduziert werden. Das grosse Damoklesschwert der bisherigen Mindeststrafe hängt in der Regel zwei Jahre lang über dem Ersttäter. Die Mindeststrafe für Vergewaltigung ist gleich hoch wie bei den Raserdelikten. Erschreckend ist dabei aber vor allem, dass so tiefe Strafen für eine Vergewaltigung möglich sind, nicht die Mindeststrafe für Raser.

Was ist ein Raser? Wer auf der Autobahn über 200 Kilometer pro Stunde fährt, gilt als Raser. Ausserorts liegt die Limite bei 140 km/h, innerorts bei 100 und in den 30er-Zonen bei 70 km/h. Mit Verlaub, wer so fährt, handelt absolut unverantwortlich. Wer ein bisschen zu schnell fährt, wird gebüsst. Auch wer deutlich zu lange auf dem Gaspedal stand, kommt gut davon.

Beispiele aus der Region zeigen, dass Raser meiner Meinung nach zu Recht hart bestraft werden. Gerade diese Woche ist ein 23-Jähriger zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden, weil er mitten in Stäfa mit 92 km/h unterwegs war. Da er dies bei einer Schule tat, läuft die Probezeit drei statt zwei Jahre. Als Raser gilt er, weil bei Schulhäusern das Tempo auf 40 km/h zu reduzieren ist. Was, wenn ein Kind die Strasse überquert hätte? Der Bremsweg wäre wohl zu lang gewesen.

Auch der Ersttäter aus dem Linthgebiet, der mit über 140 km/h auf einer geraden Strecke geblitzt wurde, hat seine Strafe verdient. Das St. Galler Kantonsgericht hat seine Berufung gegen die zwölfmonatige Freiheitsstrafe abgewiesen. Er hat mit dieser Fahrweise zwei Mitfahrer und sich selbst gefährdet. Nach eigenen Angaben hat ihn die Beschleunigung des Porsche überrascht. Wie hätte er reagiert, wenn ein Velo vor ihm aufgetaucht wäre oder ein Tier?

In beiden Fällen wurde die Mindeststrafe ausgesprochen. Für äusserst rücksichts­lose Taten. Noch üblere Raserfahrten wie Tempo 126 innerorts in Richterswil vor drei Jahren oder 157 km/h über denRicken 2017 wurden entsprechend härter bestraft. Ob das Schockpotenzial der Strafen gross genug ist, wird sich zeigen. Ich habe in den letzten Jahren über einige Raserprozesse geschrieben. Wiederholungstäter gab es nur einen. Dieser fuhr mit über 140 km/h über den Ricken. Obwohl er wegen früheren Rasens bereits verurteilt und ohne Fahrausweis unterwegs war. Der Prozess zeigte allerdings, dass der junge Mann aufgrund psychischer Probleme nicht in der Lage war, das Unrecht zu erkennen.

Bleibt noch die Frage, warum der Raser-Artikel geändert werden soll. Kürzlich meinte der Verteidiger eines «Ricken-Rasers», man solle die Fahrzeuge so bauen, dass derart hohe Geschwindigkeiten nicht mehr erreicht werden können. Technisch sei das machbar. Aber wollen das auch die Autohersteller und -händler? Die Werbung vermittelt Autofahren als eine der letzten grossen Freiheiten. Das Drücken des Gaspedals gehört dazu. Ein grosser Verfechter der tieferen Mindeststrafe ist der Aargauer Nationalrat Thierry Burkart (FDP). Er ist Vizepräsident des Auto­lobbyvereins TCS. Raser fahren mit dem heutigen System lange nicht mehr Auto. Die geplante Änderung stammt wohl aus der Küche stammt, der sie zugutekommt: der Autoindustrie. (Pascal Jäggi) (zsz.ch)

Erstellt: 30.01.2018, 15:09 Uhr

Pascal Jäggi, Reporter

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