Leitartikel

Einen, nicht spalten

ZSZ-Redaktorin Fabienne Sennhauser zur Tatsache, dass der Gemeindepräsident von Schmerikon Eigentümer dazu aufruft, Liegenschaften aufzuwerten um so eine Zunahme der Sozialhilfeempfänger zu verhindern.

In unserem Land hat Solidarität mit Schwachen Tradition. Das zumindest behauptete der St. Galler Regierungsrat Martin Klöti unlängst in einem Interview mit dem «St. Galler Tagblatt». Vergessen gegangen scheint diese Tra­dition derzeit am Obersee. So rief der Schmerkner Gemeindepräsident gar öffentlich dazu auf, die Eigentümer mögen doch ihre Liegenschaften aufwerten und die Mieten erhöhen. Auf diese Weise will das Gemeindeoberhaupt verhindern, dass immer mehr Sozialhilfebezüger in die Gemeinde ziehen. Die Quittung für seine Äusserungen erhielt der Schmerkner postwendend: Politiker von linksbis rechts zeigen sich empört über ­seinen Appell.

Zu entscheiden, wer es wert ist, in einer Gemeinde zu wohnen, liegt wahrlich nicht in der Hoheit eines Gemeindepräsidenten. Seine Aufgabe ist es vielmehr, zwischen den Menschen und ihren verschiedenen Interessen bestmöglich zu vermitteln. Ein Gemeindepräsident hat zu einen, nicht zu spalten.

977 Franken pro Monat erhält eine alleinstehende Person im Kanton St. Gallen von der Sozialhilfe. Eine vierköpfige Familie muss mit rund 2090 Franken zurechtkommen. Gegenwärtig sind über 11 000 Personen, davon fast 3200 Kinder und ­Jugendliche, im Kanton St. Gallen von der Sozialhilfe abhängig. Sie alle leben am Existenzminimum. Nicht selten wird ihnen zudem unterstellt, sie seien schlicht zu faul zum Arbeiten. Doch Fakt ist: Die allermeisten Sozialhilfebezüger in unserem Land kamen unverschuldet in diese Situation. Und dennoch schämt sich der grösste Teil von ihnen, in diese Lage gekommen zu sein. Wie aber erst müssen sie sich fühlen, wenn man mit dem Finger auf sie zeigt? Oder wenn der Gemeindepräsident ihnen an der Bürgerversammlung von seinem Rednerpult herab direkt in die Augen schaut, um ihnen indirektzu sagen, dass sie eine Last für die ­Gesellschaft sind? So etwas ist schlicht menschenverachtend.

Wer so austeilt, tut gut daran, in der Materie auch richtig sattelfest zu sein. Schon ein kurzer Blick in die kantonale Statistik hätte genügt, um zu erkennen, auf welch hohem Niveau im Seedorf gejammert wird. Wäre ein derartiger Aufruf, wie ihn der Schmerkner Gemeindepräsident machte, aus einer jener Gemeinden im Kanton gekommen, die jährlich rund das Dreifache an Sozialhilfegeldern zu zahlen haben, man hätte es vielleicht nach­vollziehen, wenn auch nicht akzeptieren ­können. So aber bleibt es blanker Hohn.

Herausforderungen sind da, um an ihnen zu wachsen, heisst es. Der Schmerkner Gemeindepräsident scheint für diese Weisheit nicht gerade zugänglich. Probleme werden lieber abgeschoben, als siezu lösen. Ganz nach dem Motto: «Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an». Wer nur bis zur eigenen Nasenspitze sieht, der verkennt den Ernst der Lage. Wenn wir die Schwächsten unter uns noch mehr an den Rand drängen, wird uns das spätestens in ein paar Jahren viel teurer zu stehen kommen. Ziel muss es sein, alle so lange zu unterstützen, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen. Das wäre einen Appell wert ­gewesen. (Fabienne Sennhauser)

Erstellt: 09.04.2018, 16:55 Uhr

Fabienne Sennhauser, Redaktorin

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