Leitartikel

Die Stadt ist kein Museum

Conradin Knabenhans, Redaktionsleiter Ausgabe Obersee, zum «kleingeistigen» Rapperswiler Pop-Up-Streit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Pizza gilt als Kulturerbe der Menschheit. Wer damit sein Geld erwirtschaftet, hat aber noch lange keinen Heimatschutz verdient. Auch für Gastronomen gilt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Offenbar haben die Beizer an der Rapperswiler Seepromenade just dies vergessen. Mit Pauken und Trompeten gehen sie nicht nur gegen das Pop-Up-Restaurant im Visitor Center vor, sondern rekurrieren auch gegen eine Bar auf einem Schiff im Hafen.

Offiziell argumentieren sie mit ungleich langen Spiessen. Da werden weniger strenge Auflagen bemängelt, der tiefe Mietzins und die Angst vor der Live-Musik. Diese Argumente sind für mich Augenwischerei: Die Platzhirsche der Seepromenade wollen schlicht und einfach nicht, dass ein anderer Gastronom an einem noch besseren Platz wirten kann. Dabei vergessen sie eine Tatsache: Nicht jeder potenzielle Gast fühlt sich vom Angebot an der Seepromenade angesprochen. Gerade für junge, hippe Gäste wirken gewisse Beizen verstaubt oder sind ihnen schlicht zu teuer.

Stimmt alles nicht, mögen nun einige Gastronomen vom See entgegnen. Aber die Wirte entlarven ihre Anti-Konkurrenz-Haltung gleich selber. Bevor nämlich Nico Brunner zum Pop-Up Wirt erkoren wurde, hätten die Seebeizer das gleiche Angebot von Rapperswil-Zürichsee-Tourismus annehmen können. Aber laut dem Tourismus-Chef wollte niemand. Der Aufwand wurde als zu gross betrachtet. Ein Rekurs am Schreibtisch ist da bequemer.

Die Schuld alleine den konkurrenzierten Beizern zu geben, wäre aber verfehlt. Rapperswil Zürichsee Tourismus hat sich schlicht und einfach zu wenig darum getan, welche Bewilligungen ein solches Pop-Up braucht. Das ist mit Blick auf das vergangene Jahr fahrlässig und unverständlich. Denn noch vor der Eröffnung des temporären Himmapan-Ablegers 2017 titelte gar der «Blick»: «Behörden wussten von nichts: Knie macht Guerilla-Werbung». Daraus hätten die Verantwortlichen die notwendigen Schlüsse ziehen müssen: Wenn selbst die bunte Schirmchenkleid-Fassade eine Bewilligung benötigt, dann sicher auch ein temporärer Zapfhahn. Die Touristiker liessen den Pop-Up-Beizer ins offene Messer laufen.

Wer Rapperswil-Jona als Kleinstadt bezeichnet, wird gerne einmal kritisiert. Zu stolz sind manche auf ihre Rosenstadt, die man keinesfalls klein schreiben darf. Allerdings herrscht hier manchmal eine Kleingeistigkeit, wie man sie nur von abgelegenen Bergtälern kennt. Rapperswil-Jona ist kein Museum, für das Besucher Eintritt bezahlen. Rapperswil-Jona darf ruhig zeigen, dass man historische Altstadt und moderne Ideen unter einen Hut bringen kann. Dafür braucht es gegenseitige Unterstützung, Mut und Innovation. Ein toter Schwanen am See reicht. (zsz.ch)

Erstellt: 23.03.2018, 13:14 Uhr

Conradin Knabenhans, Redaktionsleiter Ausgabe Obersee

Artikel zum Thema

Pop-Up ist den Wirten nicht geheuer

Rapperswil-Jona Der Verein «Gastliche Altstadt Rapperswil» wehrt sich gegen ein erneutes Pop-Up im Circus Museum. Enttäuschte Bürger unterstellen den Wirten Neid und Missgunst. Der Verein verneint. Mehr...

Einsprachen drängen Pop-Up-Lokal nach Jona

Rapperswil-Jona Gegen das geplante Pop-Up-Lokal «Craft Bier» sind fünf Einsprachen eingegangen. Um dennoch Ende März eröffnen zu können, verlegen die Betreiber das Lokal vom Fischmarktplatz in die Stall Bar nach Jona. Tourismuschef Simon Elsener ortet das Problem in der hohen Pop-Up-Dichte. Mehr...

Restaurant ohne Bewilligung – Knie kommt ungeschoren davon

Rapperswil-Jona Für die Umnutzung des Visitor Centers in ein Pop-Up-Restaurant im letzten Jahr hatte Knie keine Baubewilligung. Die neuen Betreiber hingegen halten sich an die Vorschriften. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare