The Take

Variation in B-Moll

In ‹A Star is Born› interpretieren Bradley Cooper und Lady Gaga eine altbekannte Geschichte neu und zeigen dabei, dass sie noch immer relevant ist.

Zwischen Ally (Lady Gaga) und Jackson (Bradley Cooper) funkt es nicht nur auf der Bühne.

Zwischen Ally (Lady Gaga) und Jackson (Bradley Cooper) funkt es nicht nur auf der Bühne.

Der Plot von ‹A Star is Born› ist hinlänglich bekannt. Immerhin ist der neue Film bereits die vierte Variante der Geschichte. Zuletzt kam die Version mit Barbara Streisand und Kristofferson im Jahr 1976 ins Kino. Mehr als 40 Jahre später sehen wir erneut zu, wie ein bekannter Star ein unbekanntes Talent entdeckt, wie sich die beiden verlieben und ihre Karriere am Abheben ist, während sich seine im Sinkflug befindet. Aber wie es im Film heisst: Musik besteht aus zwölf Noten, die sich in immer neuen Variationen wiederholen. Was ein Künstler tut, ist seine Sicht auf die zwölf Noten mit der Welt zu teilen.

Die neuste Variante von ‹A Star is Born› ist die Vision von Bradley Cooper, bekannt aus Filmen wie ‹American Sniper› und der ‹Hangover›- Trilogie. Cooper führt zum ersten Mal Regie, hat am Drehbuch mitgeschrieben, hat bei den Liedern mitgetextet, fungiert als Produzent und spielt auch gleich noch die Hauptrolle, den Rockstar Jackson Maine. Eine Herkulesaufgabe, die er mit Bravour meistert.

Der Trailer zu ‹A Star is Born›.

‹A Star is Born› ist im Kern eine tragische Liebesgeschichte. Der Rockstar Jackson Main möchte nach einem Konzert nicht nachhause, weil dort niemand auf ihn wartet. So stolpert er in die nächste Bar, um sich noch ein paar Drinks zu gönnen. Wie es der Zufall will, tritt dort gerade die Kellnerin Ally, gespielt von Lady Gaga, als einzige nicht-Dragqueen auf. Mit ihrer Interpretation von ‹La Vie en Rose› verzaubert sie den Star so sehr, dass er alles daran setzt, sie auf die Bühne zu holen, und dadurch auch in seinem Leben zu behalten. Doch das Unglück ist von Anfang an vorgezeichnet, verliert Jackson doch langsam sein Gehör und verfällt immer mehr dem Alkohol und den Drogen.

Nahe dran, ohne voyeuristisch zu sein

Bradley Cooper hat einen sehr intimen Blick auf seine Charaktere, mit vielen Close-ups. Man ist nahe dran an den Stars, aber ohne die Grausamkeit, welche die durch Paparazzi erzwungene Nähe mit sich bringt. Es ist eine Innenansicht der Liebesgeschichte zwischen Jackson und Ally, wir sehen und fühlen aus der Perspektive der Stars.

Das beginnt wortwörtlich noch während die Studiologos über den Bildschirm ziehen. Eine Welle aus Gekreische wird immer lauter, bis sie auf die Ohren drückt. Es sind Jacksons Fans, die ihrem Idol einen lautstarken Empfang bereiten. Er spürt es körperlich, das Gleiche gilt für die Zuschauer im Kinosaal. Auch die Musik ist häufig ein physisches Erlebnis, spürt man den Bass doch tief im Brustkorb.

Ally wird langsam aber sicher zur überlebensgrossen Ikone.

‹A Star is Born› überzeugt musikalisch in jeder Hinsicht. Die Songs, extra geschrieben für den Film, sind solide Country-Rock Lieder, die durch die narrativen Bezüge zusätzlich Gewicht bekommen. Ally und Jackson kommunizieren durch die Musik miteinander und mit dem Publikum. ‹Shallow›, ein zentraler Song, wird bereits jetzt als Oscarkandidat gehandelt. Als es mit Allys Karriere vorwärts geht, werden ihre Songs poppiger und ein wenig beliebig. Allerdings ist unklar, ob dies auch der Standpunkt des Filmes ist. Jackson jedenfalls sieht es genauso und nur weil er die meiste Zeit betrunken ist, hat er nicht unbedingt Unrecht.

Charismatischer Bradley Cooper

Lady Gagas Gesangstalent ist weithin bekannt. Insofern ist ihr Casting ein Glücksfall. Man glaubt sofort, dass Jackson von ihrer Stimme fasziniert ist und sie auf die Bühne holen will. Auch ihre schauspielerischen Talente können sich in ihrer ersten grossen Filmrolle sehen lassen. Allerdings ist Bradley Cooper eindeutig die prägende Figur in ‹A Star is Born›: Er läuft zur Höchstform auf. Er ist so charismatisch, dass man ihm die «larger than life» Persona ohne Problem abnimmt. Gerade auch beim Musizieren — auch diese Aufgabe meistert er mit Bravour — lässt er einem den Rausch erleben, den ein Musiker vor seinem Publikum fühlen muss. Auch die Tiefpunkte, die Panik vor dem drohenden Verlust seiner Musikalität und der Überdruss kommen zum Tragen. Er verleiht dem Star das menschliche Antlitz.

Der Film ist einerseits ein intimes Porträt eines Paares, aber andererseits erzählt er eben doch eine Gesichte, wie wir sie aus den Boulevardblättern zu Genüge kennen. Nur dass man sich als Zuschauer nicht so schuldig fühlt, wie etwa bei den Biopics ‹Amy› und ‹Whitney›, wo der Zuschauer sich selbst plötzlich als Voyeur sieht. Für einmal ist alles nur Fiktion.

‹A Star is Born› zeigt auch auf, wie die Stars erst durch tragische Geschichten endgültig zu Ikonen werden. Eine Botschaft, die das letzte Bild des Films auf den Punkt bringt: Ally ist nicht mehr nur Ally, sondern Mrs Jackson Maine, eine Legende.

‹A Star is Born› ist ab Donnerstag im Kino.

Erstellt: 02.10.2018, 21:50 Uhr

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