The Take

Kein Motel zum Verweilen

In ‹Bad Times at the El Royale› wünschen sich die Gäste bald, sie hätten nie ins Motel eingecheckt. Ein Alptraum für sie, ein unterhaltsamer Thriller für die Zuschauer.

Das El Royale ist keine Traumdestination. Das muss auch Laramie Seymour Sullivan (John Hamm) bald merken.

Das El Royale ist keine Traumdestination. Das muss auch Laramie Seymour Sullivan (John Hamm) bald merken.

«You can check-out any time you like, but you can never leave!» Das singen die Eagles in ihrem berühmten Song ‹Hotel California›. Ähnliches gilt für das Motel El Royale, dass sich allerdings nur zur Hälfte in Kalifornien befindet. Wer dort die Nacht verbringen will, muss starke Nerven haben. Das merken die Charaktere aus ‹Bad Times at the El Royale› ziemlich schnell. Die grossen Zeiten des Motels sind vorüber, aber was waren das für Zeiten! Stars und Sternchen, Politiker und graue Eminenzen, sie alle haben eine Nacht im El Royal verbracht.

Nun jedoch, zu Beginn der siebziger Jahre tröpfeln nur noch wenige Gäste ein. Dazu gehören ein alter Pfarrer (Jeff Bridges), eine Loungesängerin (Cynthia Erivo), ein Hippie (Dakota Johnson) und ein Handelsvertreter für Staubsauger (John Hamm). Nicht gerade die Crème de la Crème. Bedient werden sie vom einzigen verbliebenen Angestellten Miles (Lewis Pullman). Bald wird klar, dass niemand ist, wer er behauptet und dass einige von ihnen nicht zufällig im El Royal gelandet sind. Ihre Vergangenheit lässt sich in der Anonymität des Motels nicht abschütteln, sonder klopft sogar in der Form von Billy Lee (Chris Hemsworth) wortwörtlich an die Tür. Auch das Motel selbst steckt voller Geheimnisse, ziehen sich doch Tunnels durch die Wände, von denen aus man die Gäste in ihren Zimmern beobachten kann.

Der Trailer zu ‹Bad Times at the El Royale›.

Drew Goddard, der sich als Drehbuchautor einen Namen gemacht hat (‹The Martian›, ‹Buffy›, ‹Lost›) zeigt in seinem zweiten Film als Regisseur erneut seine Vorliebe für altbekannte Genregeschichten mit einem neuen Anstrich. In ‹Cabin in the Woods› wars das Horrorgenre, nun sind es Noir-Thriller.

Obwohl der Trailer B‹ad Times at the El Royale› wie einen Actionfilm erscheinen lässt, hat Drew Goddard zumindest zu Beginn das Tempo gedrosselt. Aber nicht weil er lange Erläuterungen über die Geheimnisse des Motels abgibt. Die Zuschauer entdecken diese gemeinsam mit den Charakteren. Stattdessen gibt er seinen Figuren Raum, sich zu entfalten, sodass die Zuschauer mitfiebern, wenn es ans Eingemachte geht. Besonders Jeff Bridges und Cynthia Erivo kommen zum Zuge. Der Priester und die Loungesängerin führen lange Gespräche über das Leben und die Musik.

Ob er wohl etwas Falsches gesagt hat? Der Priester (Jeff Bridges) und die Loungesängerin (Cynthia Erivo).

Die Musik ist im gesamten Film sehr dominant. Lange Passagen werden nur von Erivos Stimme untermalt, die Klassiker des RnB mit Gefühl und Können singt. Schliessich hat sich die Britin auch als Musicaldarstellerin einen Namen gemacht. Auch sonst gibt die Musik den Rhythmus vor, gewisse Szenen sind zur Musik getaktet.

Im Neonlicht gebadet

Natürlich darf auch die obligate Jukebox nicht fehlen, die immer wieder im Fokus der Kamera steht. Das gesamte Motel ist im Stil der siebziger Jahre eingerichtet. Weil sich beinahe die ganze Handlung auf diese eine Location beschränkt, vermag Goddard ein Gefühl für den Raum zu schaffen, sodass der Zuschauer auch in den actionreichen Momenten nie die Orientierung verliert. Nebst der historischen Authentizität dominiert vor allem die Neon-Ästhetik. Das ominöse Namensschild beleuchtet das Motel blutrot, eine Warnung an alle Unglücklichen, die hier unterkommen möchten.

Um diese Atmosphäre zu schaffen, nimmt sich Goddard viel Zeit, man möchte beinahe sagen zu viel Zeit. Bei einer Laufzeit von 130 Minuten gäbe es sicherlich einige Momente, auf die er hätte verzichten können. Allerdings spricht er so viele Themen an — von der Religion über die Allmacht von J. Edgar Hoover zum Vietnamkrieg — dass er seiner Vision wohl unmöglich hätte gerecht werden können. Zudem ist der Film nie langweilig. Als Gast möchte man wohl keine Nacht im El Royale verbringen, aber für den Zuschauer ist das Motel empfehlenswert.

‹Bad Times at the El Royale› ist ab Donnerstag im Kino.

Erstellt: 09.10.2018, 22:02 Uhr

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