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Wie viel Emanzipation braucht es?

Bloggerin Silvia Makowski geht in ihrem neusten Beitrag der Frage nach, ob man als Frau und Mutter noch Schwäche zeigen darf und wo die Grenzen der Emanzipation liegen.

Bild: Adobe Stock/Symbolbild

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«Für kultivierte, starke und unabhängige Frauen», lese ich in einer Broschüre eines Schmuckherstellers. An einem Benefiz-Event für Frauen, welches ich geschäftlich in London besuchen darf, sehe ich einen Saal voller schön gekleideter, gepflegter Frauen mit schönen Haaren und den besten Handtaschen.

Der Sponsor, ein Schmuckhersteller, offeriert den Hauptpreis des Wettbewerbs: goldene Ohrringe, welche Jane Fonda am letztjährigen Filmfestival in Venedig getragen hat. Der Schmuckhersteller setzt in seinen Werbetexten auf weibliche Emanzipation, doch wer sind diese «kultivierten, starken und unabhängigen» Frauen überhaupt?

Die Problematik

Die Notwendigkeit in unseren Breitengraden immer noch unterscheiden zu müssen zwischen der freien, starken Frau, die die gleichen Chancen hat wie das männliche Geschlecht, sich selbst verwirklicht und von keinem Mann finanziell abhängig ist und der unterdrückten Hausfrau, die keine Chancen im Leben hat, deprimiert mich. Frauen, die sich gegen das Leben als Hausfrau entscheiden, müssen sich immer noch behaupten, immer noch zeigen, dass sie es auch können, sie müssen um Lohngleichheit für den gleichen Job kämpfen und versuchen, Job und Familie unter einen Hut zu kriegen, ohne dass jemand merkt, wie anstrengend es ist.

Und jetzt kommt dieser Sponsor, meint uns Frauen auch noch motivieren zu müssen, stark und unabhängig zu sein und schliesst nebenbei auch alle Frauen aus, die vielleicht keine Lust haben, auf dem Hamsterrad mitzurennen. Im Werbespruch wird die geballte Ladung Frauenpower angesprochen, die sich auf dem Benefiz-Event aufhält. Die Emanzipierten. Die Erfolgreichen. Die, die es schaffen, trotz Kindern immer noch Zeit für eine schöne Fönfrisur aufzutreiben und sich die Mühe machen, top gestylt an einem Anlass für Frauen aufzutauchen.

Wieviel Emanzipation braucht es?

Auch ich sehe mich durch unseren Lebensstil eher als eine dieser Frauen. Das Rad wird gedreht, wir Frauen schmeissen Familie und Haushalt, gehen einer Arbeit nach, um uns selbst zu verwirklichen oder den Anschluss and die Arbeitswelt nicht zu verpassen. Ich für meinen Teil versuche nebenbei auch meinen Hobbies nachzugehen, übe immer mal wieder meine Meinung knallhart zu sagen (auch wenn es nur vor meinen Kindern ist) und achte auf mein Äusseres. Ist das das Frauenbild von heute? Eine Bekannte von mir in einer Führungsposition hat kürzlich den Job gewechselt, ein Kind zur Welt gebracht und hat von ihrem neuen Arbeitgeber nach einigen Monaten eine Auszeichnung für den besten Einsatz bekommen.

Sie hat sich über die Anerkennung gefreut, war aber entsetzt, dass diese Art von Herumrennen auch noch mit einer Auszeichnung angespornt wird anstatt Rahmenbedingungen zu schaffen, welche es Frauen erleichtern würden, einem Beruf nachzugehen und gleichzeitig zuhause Kinder zu erziehen.

Schwäche zeigen erlaubt

Immer wieder merke ich, wie schön es ist, auch mal auf diese Stärke und Unabhängigkeit zu verzichten und Schwäche zu zeigen. Zum Beispiel, wenn mein Mann mich irgendwo abholen kommt, ich also nicht «stark und unabhängig» im eigenen Auto nachhause fahren muss. Darf man heute als Frau noch Schwäche zeigen?

Die Antwort lautet: JA! Wir dürfen uns von unseren Männern abholen lassen, wir dürfen uns zudecken lassen, wenn wir kalt haben, wir dürfen uns die schwere Einkaufstasche abnehmen lassen und wir dürfen uns an einem Frauenparkplatz erfreuen, welcher schön breit ist und nahe am Eingang liegt.

Die Grenzen der Emanzipation

Wir Frauen mögen in Führungspositionen zwar untervertreten sein genau wie Männer in der Rolle als Vollzeitpapa doch im Alltagsleben herrscht in vielen Familien ein Rollen-Patchwork. Geld verdienen und Kinder bespassen werden sich partnerschaftlich geteilt, ebenso wie Haushaltsaufgaben. Mein Mann kann den Boden pingelig genau nass aufnehmen, poliert die Kochinsel auf Hochglanz oder bereitet feine «Hacktätschli» für die Kinder vor. Das ist auch richtig so! Dann hat Mama nämlich etwas mehr Zeit, sich auf das Hamsterrad am nächsten Tag vorzubereiten. Inklusive Fönfrisur.

Herzlichst,

YoungMum (zsz.ch)

Erstellt: 11.07.2018, 10:35 Uhr

Über YoungMum

Silvia Makowski ist Mutter von zwei Töchtern, Bankangestellte und nebenbei freischaffende Texterin. Sie ist Verfasserin des Blogs «YoungMum.ch», in dem sie regelmässig über das Muttersein und den Familienalltag berichtet. Sie hat eine grosse Leidenschaft für Wörter, Sätze und Geschichten und lebt mit ihrer Familie im Raum Zürich.

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