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Kirchen sind allgegenwärtig – Religion aber nicht

Von holländischen Kirchen und unkirchlichen Holländern – Colin Bätschmann, freier Mitarbeiter der ZSZ, erfährt in seinem ersten Monat in Utrecht wie schnell man in Holland zum Kirchengänger wird.

Luxusapartments in einer Kirche: Die katholische St. Jakobskirche, die heute Residential Church Utrecht heisst.
Luxusapartments in einer Kirche: Die katholische St. Jakobskirche, die heute Residential Church Utrecht heisst.
zvg/Zecc Architecten BV, Frank Hanswijk

In Holland wird man leicht zum Kirchgänger. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass rund die Hälfte der Bevölkerung der Niederlande nicht religiös ist. Oder steckt vielleicht genau darin die Krux? Jedenfalls hätte ich nicht erwartet, während des Auslandsemesters meine Freizeit in Kirchen zu verbringen – abgesehen von touristischen Steppvisiten, natürlich.

Apropos Tourismus: Eine der Touristenattraktionen in Utrecht ist die Domkerk, einst die grösste Kirche der Niederlande. 1674 zerstörte ein Sturm einen Teil des Gebäudes und trennte es vom Kirchturm, dem nun freistehenden Domtoren. Der Turm hält weiterhin Rekord: Mit 112.5 Metern Höhe ist er der höchste Kirchturm des Landes. Als Vergleich: Die Turmspitze der reformierten Kirche Wädenswil ragt 64 Meter in die Höhe, gleich hoch wie die Doppeltürme des Zürcher Grossmünsters. Dass die Domkerk und der Domtoren besonders bei Touristen beliebt sind, zeigen die Resultate meiner repräsentativen Umfrage: Fast alle von mir befragten Studierenden aus dem Ausland waren schon auf dem Turm. Die holländischen Befragten nicht. Quod erat demonstrandum.

Lassen wir den Tourismus aber beiseite: In Holland gibt es nämlich noch ganz andere Gründe, in die Kirche zu gehen. Bevor ich das Geheimnis lüfte, kann ein Vergleich mit der Schweiz nicht schaden. Wofür werden die Kirchen im Bezirk Horgen genutzt? Natürlich, Gottesdienste. Aber nicht ausschliesslich. Wer auf der ZSZ-Webseite in der Suchmaske das Wort «Kirche» eintippt, oder hie und da die Zeitung durchblättert, der findet heraus: Kirchen sind auch ein Ort der Kultur: Konzerte, Kunstausstellungen. Das ist schön und gut, aber wie wäre es, in einer Kirche einmal ein Bier zu trinken? Oder gar in einer Kirche zu wohnen?

In Utrecht ist beides möglich. Das Belgisch Biercafé Olivier etwa wurde 2007 in einer umgebauten Kirche eröffnet. Hohe Fenster, eine gewölbte Decke, eine hölzerne Chorempore und eine Orgel erinnern an die frühere Nutzung des Gebäudes. Hinter der Bar wurde ein dunkler Apothekerschrank aufgestellt, darauf stehen Büsten, an der Wand hängen Bilder und Billardqueues.

Andere Kirchen wurden zu Luxusapartments umgebaut, so etwa die katholische St. Jakobskirche, die heute Residential Church Utrecht heisst. Bis ins Jahr 1991 diente sie religiösen Zwecken, danach bis ins Jahr 2007 der Ausstellung antiker Möbel. Auch Konzerte wurden in der ehemaligen Kirche abgehalten. Ein Architekturbüro renovierte die Kirche anschliessend während zwei Jahren und verwandelte sie in ein helles, zweistöckiges Wohnhaus – unter Verwendung bereits vorhandener Materialien. Dass das Gebäude einst eine Kirche war, ist also deutlich erkennbar.

Nicht nur in Utrecht ist die Umnutzung von Kirchen beliebt. In der Stadt Maastricht, im Süden des Landes nahe der belgischen Grenze, steht der Boekhandel Dominicanen – eine Buchhandlung in einer ehemaligen Kirche. In Leiden diente die Pieterskerk Ende Februar einem besonderen Zweck: Dem Informationstag der Universität. Zahlreiche Fachschaften hatten ihre Infostände im Innern der Kirche aufgestellt, um angehende Studierende für ihr Fach zu begeistern.

In den Niederlanden stehen hunderte von ungenutzten, leeren Kirchen, informiert das Architekturbüro. Seit 1970 seien mehr als 1000 Kirchen von Glaubensgemeinschaften geschlossen worden. Es handelt sich auch um zahlreiche kleinere, wohl private Kirchen. Dies habe damit zu tun, dass weniger Leute zur Kirche gehen und die Kosten für die Instandhaltung zu hoch würden. Ein Drittel der ungenutzten Kirchen sei zerstört worden, darunter insbesondere katholische. Heutzutage sei Zerstörung von Kirchen selten, weil diese oft dem Denkmalschutz unterstehen. Der Innenumbau werde als Mittel angesehen, um das Leerstehen und den unausweichlichen Zerfall der Gebäude zu verhindern.

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