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Erziehung im Wandel: Netflix statt Rute

Kinder brauchen Grenzen und eine gewisse Führung, damit sie sich wohl fühlen. Sie sind noch unerfahren und fühlen sich grundsätzlich geborgen, wenn Eltern eine Richtung vorgeben.

«Das gab es früher bei uns nicht!» höre ich ältere Leute häufig sagen, wenn Sie mit einer Handlung von Eltern oder Kind nicht einverstanden sind. Strenge, Druck und Disziplin waren früher normal, heute geht es in die entgegengesetzte Richtung – möglichst viel Freiraum, damit sich das Kind frei entfalten kann. Ist das eine gute Idee?

Schlagstock und Prügel

«Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald». Heisst es in der Bibel (Sprüche 13:24). Wer heute 60 Jahre alt ist, wird sich noch an die Ohrfeige in der Schule erinnern, wenn der Lehrer unzufrieden war. Den Magistern war dabei der Segen des Rektorats noch bis in die 1970er hinein gewiss. Das ist heute zum Glück anders. In der Kindheit erlebte Gewalt hinterlässt nicht nur emotionale Spuren, sondern ist auch ein wichtiger Risikofaktor für Gewalt in späteren Beziehungen. Obwohl der Menschenrechtsrat der Schweiz anlässlich seiner zweiten periodischen universellen Prüfung vom 29. Oktober 2012 die Einführung eines expliziten Verbots der Körperstrafe empfahl, sträubt sich die Schweiz gegen eine Verankerung der Körperstrafe im Gesetzbuch. Trotzdem gilt der autoritäre Stil, der mit Härte, Regeln und Druck arbeitet, als veraltet.

Eine harte Nanny

Letztes Jahr hatten wir eine Nanny, die sehr streng mit unseren zwei Töchtern umging. Es gab bei ihr genau drei Chancen, danach war sie durch und durch konsequent. Was mir oft fast das Herz zerbrach, resultierte in Kindern, die innerhalb von 10 Minuten einschliefen, wenn die Nanny im Kinderzimmer war, in Kindern, die sofort zuhörten, wenn sie etwas sagte, in Kindern, die fröhlich mit ihr tanzten und brav ihre Spielsachen wieder aufräumten und in Kindern, die sich unterwürfig entschuldigten, wenn sie mal schimpfen musste. Sie pflegte strenge Erziehungsmethoden von damals, die sie aus ihrer Kindheit kannte, wonach Kinder nicht nach ihrer Meinung gefragt wurden. Die Kinder wurden nicht gefragt, was sie zum Mittagessen wollten, also assen sie einfach das, was die Nanny kochte. So einfach ist das.

Das neue Erziehungsverständnis

Mir hören meine Kinder nicht immer zu, sie brauchen in der Regel mindestens eine Stunde, um einzuschlafen, beim Essen sind sie wählerisch und aufgeräumt haben sie in meiner Gegenwart bisher nur in ganz seltenen Fällen.

Heute gibt man den Kindern Freiräume, damit sie sich entfalten können und eine eigene Persönlichkeit bilden können. Es gibt möglichst viel «Puppenmama» auf YouTube und «Paw Patrol» auf Netflix, da das Kind ja von den Inhalten profitiert. Der antiautoritäre Stil, der Kindern kaum Grenzen setzt und nach dem Lustprinzip funktioniert, ist heute zwar in, jedoch auch wieder ein Extrem, das es zu vermeiden gilt.

Kinder brauchen Grenzen und eine gewisse Führung, damit sie sich wohl fühlen. Sie sind noch unerfahren und fühlen sich grundsätzlich geborgen, wenn Eltern eine Richtung vorgeben. Dem Kind alle Entscheidungen zu überlassen wird es schnell überfordern – woher bloss soll das Kind wissen, was richtig oder falsch ist? Selbst wenn wir heute oftmals liebevoller und einfühlsamer mit unseren Kindern umgehen als unsere Urgrosseltern, so häuft sich heute vor allem eins: die rausgestreckte Zunge.

Herzlichst, YoungMum

Erstellt: 10.07.2019, 07:41 Uhr

Über YoungMum

Silvia Makowski ist Mutter von zwei Töchtern, Bankangestellte und nebenbei freischaffende Texterin. Sie ist Verfasserin des Blogs «YoungMum.ch», in dem sie regelmässig über das Muttersein und den Familienalltag berichtet. Sie hat eine grosse Leidenschaft für Wörter, Sätze und Geschichten und lebt mit ihrer Familie im Raum Zürich.

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