The Take

Der traurige Mann auf dem Mond

In ‹First Man› ist die Sehnsucht nach dem Mond gleichzeitig auch die Sehnsucht nach Erlösung.

Neil Armstrong ist endlich auf dem Mond angekommen.

Neil Armstrong ist endlich auf dem Mond angekommen.

Als erstklassiger Drummer in der Big Band spielen. Als Schauspielerin in Hollywood durchstarten. Damien Chazelles Protagonisten haben immer ein Ziel, dem sie alles andere unterordnen. So auch in seinem neusten Werk ‹First Man›, der Geschichte von Neil Armstrong (Ryan Gosling). Armstrong will dahin wo noch kein Mensch zuvor war, er will auf den Mond. Während aber die Figuren aus ‹Whiplash› und ‹La La Land› von ihrer Leidenschaft getrieben werden, scheint Neil Armstrong einfach nur getrieben. Der Grund dafür ist der frühe Krebstod von Armstrongs Tochter Karen, der in Chazelles Interpretation eine der Motivationen für Armstrongs Hingabe an das Raumfahrtprogramm zu sein scheint.

‹First Man› zeichnet nach, wie Armstrong in den sechziger Jahren vom Testpiloten zum ersten Mann auf dem Mond wird. Der Film beginnt 1961 mit einem Testflug, als Armstrong in einem Flugzeug die Erdatmosphäre verlässt. Die Zuschauer sind praktisch mit im Cockpit, wir sehen die Erde aus Sicht von Armstrong. Die Enge und die dünne Metallschicht, die den Piloten vor dem Nichts schützt werden praktisch fühlbar. Bei mir meldete sich spätestens in diesem Moment meine Flugangst. Gemeinsam mit Armstrong steigt das Publikum in höchste Höhen auf, und stürzt danach ab, verliert die Orientierung und findet Erlösung als das Fliegerass sich aus einer gefährlichen Situation retten kann. Neil Armstrong (Ryan Gosling) und seine Tochter Karen.

Chazelle gibt dieser Szene, wie auch späteren Moment im Cockpit viel Raum, der Plot wird durch diese aufregenden und gefährlichen Momente strukturiert. Ein wenig zu viel Raum, ist man geneigt zu sagen, denn als endlich der Höhepunkt, die Reise zum Mond ansteht, fühlt sie sich beinahe wie eine Wiederholung an. Und durch jede Wiederholung kommt Armstrong seiner Erlösung einen Schritt näher. Doch durch die vielen Repetition wird einem auch bewusst, wie analog die ganze Unternehmung war. Schliesslich ruft einmal ein Techniker nach einem Schweizer Sackmesser, als vor dem Start einer Rakete ein wenig nachgeholfen werden muss. Es rattert und klirrt wenn die Metallbüchsen ins All geschleudert werden, mit weniger Rechenkraft als ein durchschnittliches Smartphone besitzt.

Dave Scott (Christopher Abbott) und Neil Armstrong (Ryan Gosling) auf einem Testflug (v.l.).

Als Gegenpol zum Fokus auf die NASA und das Raumprogramm — in dem gemäss First Man nur weisse Männer mitwirken, obwohl wir spätestens seit ‹Hidden Figures› wissen, dass dem nicht so war — fungiert Claire Foy als Armstrongs Frau Janet. Obwohl es einfach gewesen wäre, Janet auf die daheimgebliebene Ehefrau zu reduzieren, die um ihren heroischen Gatten bangt, vermag Foy der Figur Energie einzuhauchen. Es hilft sicher, das Janet als Person greifbar wird, weil sie Emotionen zeigt. Neil hingegen ist so abgekapselt, dass er nicht einmal die richtigen Worten findet, um sich am Abend vor dem Mondflug von seinen Söhne zu verabschieden. Stattdessen erinnert er sich immer wieder an einen bestimmten Moment mit seiner Tochter.

Das Raumprogramm scheint in Chazelles Film beinahe in einem Vakuum stattzufinden, die obligatorischen Verweise auf die sowjetische Konkurrenz einmal abgesehen. Erst gegen Schluss werden die politischen und sozialen Komponenten angetönt. Chazelle hat sich dafür entschieden, sich radikal auf die höchstpersönliche Geschichte eines Mannes zu konzentrieren, der auf dem Mond nach Erlösung sucht. Zufälligerweise ist es auch die epische Geschichte der Raumfahrt.

‹First Man› ist ab Donnerstag im Kino.

Erstellt: 06.11.2018, 20:46 Uhr

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