Online-Sommerserie (3)

Mit viel Zehenspitzengefühl auf die Welle

Ein bisschen Hawaii-Feeling auf einem Binnengewässer: Wakesurfen wird auf dem Zürichsee immer beliebter. Doch der Ritt auf der Heckwelle des Motorboots braucht viel Gefühl, wie ich beim Selbstversuch feststellte.

Die perfekte Welle musste ich nicht suchen - die Heckwelle des Motorboots war ideal zum Wakesurfen. Es brauchte aber Ausdauer, Gefühl und die professionelle Anleitung von Tobias Müller von Ceccotorenas, bis ich sie für ein paar Sekündchen reiten konnte.
Video: Martin Steinegger, Fabian Röthlisberger

«Bist du schon mal Wakeboard gefahren?», fragte mich Tobias Müller von Ceccotorenas am Telefon. Der Chef der Wakeboard- und Wakesurfschule in Stäfa empfiehlt seinen Kunden, zuerst Erfahrungen in diesem Sport zu machen, bevor man sich ans Wakesurfen wagt. «Ja, ich habs vor einigen Jahren mal gemacht», meine prompte Antwort. Vor EINIGEN Jahren. Genauer gesagt vor ziemlich genau 14 Jahren zum ersten und letzten Mal. Immerhin hatte es damals nicht lange gedauert, bis ich im Schlepptau eines PS-starken Motorboots auf dem Brett stehen konnte. Ich hatte mich nicht ganz ungeschickt angestellt, wenn ich mich recht erinnere. Was ich aber auch schmerzlich erfahren musste war, wie hart Wasser bei über 30 km/h werden kann. Im Übermut (ich wollte Sprünge und Tricks zeigen, wie mein erfahrener Kollege) hatte sich das Board verkantet und ich klatschte Kopf voran auf das zu Beton gewordene Nass. Mein Schädel brummte noch zwei Tage später.

So sieht Wakeboarden aus, wenn man es kann...wenn man es richtig, richtig gut kann. Ceccotorenas via vimeo

Das sollte beim Wakesurfen nicht noch einmal passieren. Zum einen, weil ich mir vorgenommen hatte, vorsichtiger zu sein. Andererseits fährt das Motorboot bei dieser Sportart nur etwa 15 km/h. Beruhigend. Und dieses Mal hatte ich mit Tobias Müller einen erfahrenen Lehrer an meiner Seite.

Wakesurfen erlebte in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. «Die meisten unserer Kunden wollen Wakesurfen», erklärt mir Tobias Müller, als wir vom Hafen Stäfa ablegten. Dabei gibt es die Sportart schon seit rund 20 Jahren. «Die Boote sind besser geworden, es macht mehr Spass und so wollen auch immer mehr Wakesurfen», sagt Müller. Auch immer mehr Private kaufen sich die rund 140'000-Franken-Boote, wobei nicht alle gleich verantwortungsvoll seien.

An einem schönen Sommertag ist der Zürichsee proppenvoll. Dank des nicht ganz sommerlichen Wetters mit Wind und zeitweise Regen hatten wir den See fast für uns alleine. Gut für mich: Keine Zuschauer, niemand kommt mir in die Quere.

«Eifach zersch chli im Wasser chille»

Das Boot stoppte. Ich sprang ins Wasser. Tobias reichte mir das Brett und das Seil und ich versuchte das umzusetzen, was er mir nach und nach erklärte: Die Füsse locker auf dem Brett Richtung Boot, «eifach zersch chli im Wasser chille», die Arme gestreckt. Dann gab der Bootsführer Gas, ich wurde aus dem Wasser gezogen und... ich stand. «Jetzt mit einer Hand das Seil loslassen» - auch das klappte. «Jetzt gib ganz wenig Druck auf die Zehen» - und das war zu viel Druck. Ich plumpste ins Wasser.

«Wirklich nur Druck auf die Zehen und nicht auf das ganze Bein», so das Feedback meines Lehrers, «und geh mehr in die Knie.»

Zweiter Versuch. «In die Knie - Oberkörper bleibt gerade», hörte ich Tobias durch das Brummen des Motors und das Rauschen der Welle rufen. Dann gab ich etwas Druck auf die Zehen. Das Brett steuerte die Heckwelle an und plötzlich wurde das Seil locker. «Jetzt kannst du das Seil loslassen.» Gesagt, getan und gewassert.

So endete mein zweiter Versuch.

«Oh, Mann! Fast», rief ich Tobias zu, als mich das Boot an der Sturzstelle wieder aufgabelte. Aber ich war ganz euphorisch. Die Welle hatte mich tatsächlich für kurze Zeit getragen.

Für die perfekte künstliche Surfwelle braucht ein Motorboot am Heck mehr Ballast. Dafür wurden in unserem Fall spezielle Tanks mit Wasser geflutet. Je grösser die Wasserverdrängung, desto höher wird die Welle.

«Gut gemacht! Das gibt ein High-Five»

Und mit jedem weiteren Versuch gings besser. Irgendwann konnte ich ganz auf das Seil verzichten, konnte mich immer etwas länger auf der Welle halten. Zwar nur ein paar Sekunden, aber immerhin:

Auch wenn mich die Welle schon nach ein paar Sekunden abgeworfen hatte - ich hatte das Gefühl, ich sei viiiiiiiiel länger gesurft. GIF: via giphy.com

Das geht ganz schön in die Beine (wir erinnern uns: «Geh mehr in die Knie!»). «Hast du genug oder willst du nochmal?», fragte mich Tobias. «Noch einmal», keuchte ich und meine erste Wakesurf-Lektion endete mit einem zufriedenstellenden Lauf. So schleppte ich mich leicht erschöpft aber richtig glücklich ins Boot. Zurück an Bord gabs ein Lob vom Lehrer: «Gut gemacht! Das gibt ein High-Five.»

«Du wirst sehen, es geht mit jedem Mal besser und wird auch weniger anstrengend», sagte er dann. Offenbar sah ich mindestens so geschafft aus, wie ich mich fühlte.

Das Fazit nach meinen ersten Wakesurf-Versuchen: Ich habe mich besser geschlagen, als gedacht. Zu Beginn hatte ich Zweifel, ob ich mich am ersten Tag schon auf der Welle halten kann - aber das hat geklappt (stolz!!!). Der Sport hat Suchtpotenzial. Und: Er ist auf jeden Fall weniger schmerzhaft als Wakeboarden. (Den Muskelkalter am nächsten Morgen konnte ich gut verkraften). Auf der Welle zu gleiten ist ein tolles Gefühl und macht Lust auf mehr. Froh war ich aber auf das Seil als Starthilfe. Surfen auf dem Meer stelle ich mir einiges schwieriger vor. Zwischenzeitlich kam bei mir echtes Surfer-Feeling auf - trotz des schlechten Wetters sah ich mich schon auf einer Welle reitend in der Südsee.

Ich freue mich schon auf meinen nächsten Run. Wenn nicht auf Hawaii, dann sicher auf dem Zürichsee.

Fabian Röthlisberger (zsz.ch)

Erstellt: 07.08.2017, 10:58 Uhr

Online-Sommerserie

Folge 3: Wakesurfen

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Fabian Röthlisberger, Stv. Leiter der ZRZ-Onlineredaktion, ist im Wasser in seinem Element. Klar, sucht er sich eine Trendsportart im kühlen Nass aus. So lässt er sich in der dritten Folge der Online-Sommerserie das Wakesurfen beibringen.

Tobias Müller, Chef der Wakeboardschule Ceccotorenas in Stäfa.

Fabian Röthlisberger, Stv. Leiter ZRZ-Online, nach seiner ersten Wakeboard-Lektion: Geschafft aber glücklich zurück an Bord.

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