Gartenblog

Im Dschungelfieber

Ein Thujawald statt einer Hecke, lianengleiche Brombeerranken und faulende Äpfel, welche die Söhne wahlweise als Wurfgeschosse oder Zwischenverpflegung ansehen: Willkommen im neuen Heim samt Urwald.

Ab hier 341 qm Wald ... äh ... Garten. (Bilder: Sandra Weber)

Wir besitzen jetzt ein Stück Urwald. Nicht auf Borneo oder am Amazonas. Nein, mitten in Zürichs Agglo. 340 Quadratmeter Schweizer Dschungel, bestehend aus altem Nadelgehölz, Forsythien, Holunderbüschen und Apfelbäumen.

Daumendicke, dornenbesetzte Brombeerranken hängen lianengleich von den Kronen. Mangels Machete muss ich mir mit einer meterlangen Baumschere einen Weg durchs Unterholz bahnen.

Unser Dschungel mitten in der Stadt: Statt Lianen hängen Brombeerranken von den Baumkronen.

Mit der Baumschere arbeite ich mich durch das Dickicht:

Mitten im Dickicht stosse ich auf ein windschiefes Häuschen mit zerfetztem Plastikdach. Zum Glück befinden sich darin nicht die bleichen Gebeine eines verirrten Primatenforschers, sondern die Überreste einer Tomatenplantage.

Das Tomatenhäuschen beherbergt jetzt Brombeeren.

Allenthalben stolpere ich über Blumentöpfe, Bohnenstangen und bunte Steckschilder: Helleborus niger, Anemone hupehensis, Brunnera macrophylla. Schade sind die dazugehörenden Pflanzen unter Efeu, Wicken und Kletten erstickt.

An der Grundstücksgrenze Bäume in Reih und Glied: Das passiert, wenn man einer Thujahecke freien Lauf lässt.

Wo ein Dutzend Bäume in einer Reihe stehen, beginnt offensichtlich das Nachbarsgrundstück. Nachforschungen ergeben, dass es sich um eine ausser Rand und Band geratene Thujahecke handelt. Thujen sind nämlich Bäume, die bis zu 50 m hoch werden können – gut einen Drittel der Höhe haben unsere bereits erreicht.

Kaum vorstellbar: Hier hatte es mal Rasen, Blumen, Gemüse und eine Teppichausklopfstation. Zumindest die trotzt der Wildnis.

«Puh, das stinkt!», ruft Sohnemann eins (dreieinhalbjährig) und schmeisst begeistert gärende, angefaulte Äpfel auf das Tomatenhaus. Er findet den Dschungel wunderbar. Der Ehemann auch. So ein Urwald ist nämlich was herrlich Pflegeleichtes. Man muss nicht giessen, nicht jäten, nicht mähen – trotzdem ist immer alles schön grün.

Doch während er über einen Baumkronenweg à la Masoalahalle sinniert, schreit Sohn eins Zeter und Mordio, weil er sich zwischen Brombeerranken und Spinnennetzen verfangen hat und Sohn zwei (einjährig) beginnt, braune Bröckchen auszuspucken, anscheinend hat auch er Gefallen an den matschigen Äpfeln gefunden.

Gerechte Arbeitsteilung: Die einen sägen, die anderen vertilgen den Znüni.

Besucher begutachten unser Dornendickicht mit einer Mischung aus Faszination, Entsetzen und Mitleid. Ich aber sehe keine Dornen. Ich sehe einen Sitzplatz mit einer Feuerschale, eine Hängematte und einen Schwimmteich. Ich sehe einen Sandhaufen, eine Schaukel und ein Weidenhäuschen. Ich sehe blühende Staudenbeete und einen Gemüsegarten mit Zucchetti, Rüebli und Rhabarber. (Nur Brombeeren werde ich vermutlich eine ganze Weile nicht mehr sehen wollen.)

Einst muss sich hier ein prächtiger Garten befunden haben. Und den werden wir jetzt aus seinem Dornröschenschlaf wecken.

Sandra Weber


Erstellt: 05.10.2016, 15:39 Uhr

Roden und Räumen – Tipps und Tricks


  • Bestandesaufnahme machen. Was wächst überhaupt hier, was könnte erhalten bleiben und wächst vielleicht wieder ganz schön, wenn es mehr Licht und Raum oder ein anderes Plätzchen bekommt? Stauden wenn möglich ausgraben und zwischenzeitlich in Topf setzen, Sträucher mit Plastikband gut sichtbar markieren, damit im Eifer des Gefechts nichts niedergemäht oder –getrampelt wird.

  • Obstbäume stehen lassen. Alte Obstbäume können nach einem guten Rückschnitt wieder austreiben und tragen. Hier lohnt es sich, zur Beratung eine Fachperson beizuziehen oder einen Kurs zu besuchen (Kurse z. B. via Bioterra-Regionalgruppen www.bioterra.ch oder WWF Ostschweiz www.wwfost.ch). Alte, sogar abgestorbene Hochstämmer sind wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl Tiere und sollten wenn möglich stehen bleiben. Am besten eine Kletterrose drüber wachsen lassen, das sieht herrlich wildromantisch aus.

  • Helfer engagieren. Je nach Grösse der zu rodenden Fläche. Wenn grössere Bäume gefällt werden, ist es besser, wenn nicht zu viele Leute im Garten herumwuseln. Nicht vergessen: Snacks und Getränke bereitstellen!

  • Werkzeuge organisieren. Rebschere, Baumschere, Baumsäge, Kettensäge (inkl. Benzingemisch), Heckenschere, Häcksler, Spannset oder Seil, Handschuhe, Axt, Sense, Laubrechen, Besen. Notfalls bei Bekannten und Nachbarn anfragen, grössere Geräte kann man auch mieten: www.mietprofi.ch

  • Bäume fällen: Bei Bäumen stückweise von oben her sägen (mit Baumsäge oder Kettensäge). Dabei wird ein Seil oder Spannset am Stamm befestigt. Man spannt das Spannset oder ein Helfer zieht während des Sägens daran, um die Schnittstelle zu entlasten und die Fallrichtung zu beeinflussen. Baumstämme entasten, in Holzscheite sägen und aufbeigen – als Brennholzvorrat für das Gartencheminée oder Sichtschutz und Lebensraum für Wildbienen und Co.

  • Wurzeln ausgraben: Mit Pickel und Schaufel Wurzelstock freilegen und ausgraben. Wenn möglich an Traktor oder Auto befestigen und herausziehen. Oder Bagger mieten z. B. www.gerber-bau.ch oder www.baurent-ost.com

  • Häckseln: Wer Äste nicht als Totholzhaufen für Tiere aufschichten will, kann sie selber häckseln oder den lokalen Häckseldienst anstellen (via Stadt o. Gemeinde). Häcksel kann für Spielplätze und Gartenwege genutzt oder als Mulchschicht auf Moorbeete (z. B. unter Rhododendren und Heidelbeeren) ausgebracht werden, da er den Boden sauer macht. In kleinen Dosen kann er auch kompostiert werden. Wo Häcksel ausgebracht wird, sollte immer auch etwas Hornspäne zugefügt werden.

  • Entsorgen: Grössere Mengen Grünzeug können beim Biomassehof in Winterthur oder Winkel bei Bülach abgegeben werden. www.biomassehof.ch (kostenpflichtig). Oft kommen bei einer Neugestaltung Steine und Bauschutt zum Vorschein. Dies gilt als Grubengut und muss bei der Deponie der Stadt oder Gemeinde entsorgt werden (bspw. Deponie Riet in Winterthur). Man kann sie aber auch in einer unbenutzten Gartenecke aufschichten – als Lebensraum für Eidechsen und andere Tiere – oder für eine Trockensteinmauer aus Recyclingmaterialien verwenden.

  • Fachbetrieb engagieren. Wer nicht selber roden möchte, engagiert eine Gartenbaufirma. Auch Landwirte offerieren solche Arbeiten www.gaertnerteam.ch. Oder man beauftragt die Gartengruppe einer gemeinnützigen Stiftung: bspw. Brühlgut Winterthur www.bruehlgut.ch, Hardundgut Embrach www.sozialamt.zh.ch, Palme Pfäffikon ZH www.palme.ch oder Stift Höfli in Oberstammheim www.stift-hoefli.ch

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