Zürisee - Utrecht, einfach

Die Velostadt – Vom Abonnement zur Tiefgarage

Ein Velo-Abo, zwei Velo-Schlösser und knapp drei Velos pro Einwohner: Bei Colin Bätschmann, freier Mitarbeiter der ZSZ, dreht sich in seiner ersten Woche in Utrecht so ziemlich alles um den Drahtesel.

Des Rektors erste Frage an die Austauschstudierenden am Orientierungsanlass ist nicht etwa, ob uns die Stadt gefalle. Auch die Feststellung, mit der Universität Utrecht hätten wir eine hervorragende Wahl getroffen – wegen des internationalen Rankings und sowieso –, spart er sich noch auf. Zuerst will Bert van der Zwaan wissen: «Wurde schon jemand von einem Velo angefahren?» Eine durchaus berechtigte Frage, wie sich bald herausstellen würde.

Seit dem 1. Februar lebe ich in Utrecht, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, im Herzen der Niederlande, wie ihre Einwohner zu sagen pflegen. Und eines habe ich bereits gelernt: Gehe nicht, wenn du stattdessen das Velo nehmen kannst. Denn du wirst damit alleine sein. Und ständig auf der Hut. Vor rasanten Velofahrern. Und zwar vielen.

Utrecht beherberge rund eine Million Fahrräder, erklärt eine einheimische Studentin den ungläubigen Stadtneulingen. Bei rund 350'000 Einwohnern ist das beachtlich. Die Zahl erstaunt aber spätestens dann nicht mehr, wenn man einmal morgens vom International Campus, wo ich wohne, ins Stadtzentrum spaziert ist. Auf dem halbstündigen Fussmarsch begegne ich verschiedensten Leuten auf ihren Velos: angefangen beim gestresst in die Pedale tretenden Studenten über die Mutter mit dem Kleinkind auf dem Lenker. Von der Geschäftsfrau, die den Sohn auf dessen Kindervelo neben sich herstösst über den Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner neben sich herrennen lässt. Und auch eine betagte Utrechterin sitzt noch auf ihrem Drahtesel, obschon sie nicht mehr ganz so dynamisch unterwegs ist. Sogar die Königsfamilie fährt Rad. Das habe ich zwar nicht live gesehen, aber mit eigenen Augen, auf einem Foto. Ich glaube: Die Einwohner Utrechts können besser Velo fahren als gehen. Zauberte man ihnen das Zweirad zwischen den Beinen weg, würden sie nicht auf die Füsse als alternatives Transportmittel ausweichen, sondern mit grosser Wahrscheinlichkeit seitlich umkippen und weiterstrampeln.

Jedenfalls war ich wirklich fast der einzige, der am Morgen nicht per Velo unterwegs war. In der Schweiz ist das anders: Da nutzt man den öffentlichen Verkehr und bewegt sich, wenn es nicht anders geht, auch mal zu Fuss fort. Velofahren ist eher eine Freizeitaktivität, keine alltägliche Fortbewegung. Natürlich hat das auch mit der Topographie des Landes zu tun. Aber der Seeuferweg ist ja nicht gerade mit Steigungen gespickt, und doch lassen sich Velofahrer da eher selten blicken. Vielleicht hängt der niederländische Veloboom ja mit der Infrastruktur zusammen, womit wir beim Huhn-Ei-Problem angelangt wären: Was war in Holland zuerst da? Die zahlreichen Radler oder die gut ausgebauten Velowege?

Nach Marschstrapazen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen habe ich genug: ein Velo muss her. Nun gibt es da mehrere Möglichkeiten: via Facebook ein Angebot finden, möglicherweise von Austauschstudierenden, die bald abreisen. Oder eines der zahlreichen Velogeschäfte besuchen. Für ein gebrauchtes Rad muss man beiderorts mit Preisen zwischen 50 und 90 Euro rechnen. Hinzu kommt ein robustes Fahrradschloss, denn ohne geht es nicht. Besser: zwei Schlösser verwenden. Denn leider seien Fahrraddiebstähle an der Tagesordnung, berichten Ortsansässige. Bekomme man auf der Strasse ein Velo für 10 Euro angeboten, könne man davon ausgehen, dass es gestohlen sei.

Nachdem mir eine finnische Studentin erzählt, dass sie ihr Gebrauchtvelo kurz nach dem Kauf zur Reparatur bringen musste, was sie fast so viel kostete, wie das Gefährt an Wert hat, entscheide ich mich für eine dritte Variante: ein Mietvelo. Mit monatlichen 12 Euro ist man dabei, Reparaturen innert 12 Stunden auf Whatsapp-Abruf sowie zwei Schlösser sind im Preis inbegriffen. Ich bin also Besitzer eines Veloabonnements.

Wer denkt, ausschliesslich Autofahrer müssten sich mit der Parkplatzsuche abmühen, der irrt – zumindest in den Niederlanden. Es ist gar nicht so einfach, in Utrecht einen geeigneten Abstellplatz für sein Velo zu finden. Schliesslich soll dieser nicht zu abgelegen sein und die Möglichkeit bieten, das Gefährt irgendwo festzubinden. Vor der Universitätsbibliothek herrscht zudem ein striktes Parkverbot (Geen fietsen plaatsen!). Wer es missachtet, wird sein Velo kostenpflichtig auf der Gemeinde abholen müssen. Eine praktische Lösung bieten die Tiefgaragen für Fahrräder, welche in Utrecht zahlreich vorhanden sind und während der ersten 24 Stunden meist nichts kosten. Per Ende 2018 entsteht beim Hauptbahnhof Utrecht Centraal gar die grösste Veloparkgarage der Welt. Sie soll Platz für 12'500 Fahrräder bieten. Die Projektplanerin weiss jedoch: ausreichen wird dies lange nicht. (zsz.ch)

Erstellt: 20.02.2018, 11:05 Uhr

Colin Bätschmann, freier Mitarbeiter der ZSZ, hält sich dieser Tage in Utrecht, Holland, auf. Dort studiert er während eines Semesters Geschichte und Medienwissenschaften. Für die ZSZ berichtet Colin regelmässig von seinen Eindrücken der hierzulande kaum bekannten Stadt mit ihrem «Domtoren», von ihren Einwohnern und Eigenheiten. Die Zürichsee-Region behält er dabei im Hinterkopf.

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