Pro & Kontra

Bewertungsplattformen im Internet – Fluch oder Segen?

Wer seinem Unmut über einen enttäuschenden Restaurant- oder Hotelbesuch freien Lauf lassen will, ist im Internet bestens aufgehoben. Doch wie sinnvoll sind Bewertungsplattformen wie Tripadvisor überhaupt?

Wichtigen Orientierungshilfe oder irreführendes Gruppendenken? Bewertungsplattformen wie Tripadvisor polarisieren.

Wichtigen Orientierungshilfe oder irreführendes Gruppendenken? Bewertungsplattformen wie Tripadvisor polarisieren. Bild: Symbolbild/Keystone

PRO

Wo Rauch ist, gibt’s auch ein Haar in der Suppe

Sie kennen die Situation: Man ist zu Besuch in einer fremden Stadt, Hamburg, Wien, Mailand, und möchte etwas essen gehen. Schön soll es sein, schliesslich weilt man in den Ferien, doch wie finde ich den Italiener mit der hausgemachten Pasta, wo gibts das beste Wiener Schnitzel, einen schönen Ort zum Brunchen? Im Idealfall in Gehdistanz?

Portale wie Tripadvisor sind für mich vor allem eines: praktisch. In einer Zeit, in der Reiseführer schnell veraltet sind, ist der Griff zum Handy mit der Tripadvisor-App der schnellste und effizienteste Weg zum Ziel. Was Feriengäste vor mir als empfehlenswert befunden haben, als kulinarischer Höhepunkt oder Sinkflug, dient einer groben ersten Selektion und bietet eine flüchtige Einordung der Gastrolokale. Daumen hoch, Daumen runter, simpel und direkt. So finde ich auch unterwegs auf einem Stadtspaziergang ein Café, das mir gefällt, oder eine Gelateria, die gerade der letzte Schrei ist.

Zu beachten gilt natürlich: Den gesunden Menschenverstand darf man bei solchen Onlinekritiken nicht « offline» lassen. Wenn sich jemand in St. Moritz darüber beschwert, ein Restaurant sei total überteuert, dann ist das etwa so, als würde ich bemängeln, bei Mc Donalds gäbe es zu wenig Gemüse. Und natürlich gibt es Kritiker, die übertreiben, die schlimmstenfalls sogar eine persönliche Fehde mit dem Wirt austragen. Oder solche, die eine Beiz übertrieben in den Himmel loben. Auch das darf man nicht für bare Münze nehmen.

Grundsätzlich aber lässt sich sagen: Wo Rauch ist, ist auch Feuer – oder in diesem Fall eben das Haar in der Suppe. Ein Lokal, das mehrfach wegen ungemütlicher Atmosphäre in der Kritik steht, wird sich kaum von heute auf morgen in eine Wohlfühloase verwandeln. Wer die Sterne der Gastrokritiken differenziert deutet, isst im schlechtesten Fall wie ein Prinz – und im besten wie ein Kaiser. (Ramona Kriese)

KONTRA

Insiderwissen geht über Schwarmintelligenz

Kaum eine Ferienplanung kommt ohne Tripadvisor aus. Angesichts dessen mutet es anachronistisch an, gegenüber einer etablierten und beliebten Internetplattform skeptisch eingestellt zu sein. Ich bin es trotzdem. Und nicht grundlos.

So war der Bewertungs-Plattform zufolge über längere Zeit Londons bestes Restaurant das «Shed at Dulwich». Klingt gut. Hier ist aber mehr als nur ein Haar in der Suppe, es fehlt auch die entscheidende Ingredienz: das Körnchen Wahrheit. Das Restaurant existiert nicht. Erfunden hat es ein Journalist. Der namensgebende Schuppen ist in Wirklichkeit sein halbzerfallenes Gartenhäuschen. Ein rein fiktives Restaurant ist zur Nummer eins aufgestiegen — der Schabernack zeigt, dass Tripadvisor oft nur eine falsche Realität vorspiegelt. Stichwort: bezahlte Kommentarschreiber. Alles Fake Chew.

Orientiert man sich nur an der «Best of»-Liste auf Tripadvisor ist man obendrein auf dem besten Weg, in eine Touristenfalle zu tappen — statt einem kulinarischen Erlebnis nachzujagen, geschweige denn einen echten Insider-Tipp zu entdecken. So ist etwa mein Lieblingsitaliener — von Kennern des Quartiers als bestes italienisches Restaurant des Kreis Cheib gehandelt — nicht mal unter den Top Ten dieser Kategorie zu finden. Wer der Stimme der Mehrheit folgt, schwimmt eben mit dem Strom — und speist in überfüllten Mainstream-Buden.

Natürlich muss man sich nicht nur auf die Punkte allein verlassen, aber das Lesen der teils stupiden Meinungen («Der Strand ist zu sandig») ist äusserst zeitraubend. Statt unzählige Kommentare zu durchforsten und abzuwägen, welcher Kommentarschreiber nach meinem Geschmack ist, stütze ich mich auf meine Quellen des Vertrauens: ortsansässige Freunde, Gastro-Journis oder Reiseführer. Bon App! (Andrea Schmider)

Erstellt: 16.03.2018, 16:55 Uhr

Pro

Ramona Kriese, Redaktorin

Kontra

Andrea Schmider, Redaktorin

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