Bildung

Zweisprachige Kinderbetreuung ist umstritten

Englischsprachige Kinderkrippen erfreuen sich im Bezirk Meilen wachsender Beliebtheit. Der Nutzen der sprachlichen Frühförderung ist aber umstritten.

Sollen Kinder nicht erst in der Schule, sondern bereits in der Krippe in einer anderen Sprache gefördert werden?

Sollen Kinder nicht erst in der Schule, sondern bereits in der Krippe in einer anderen Sprache gefördert werden? Bild: (Symbolbild)/Keystone

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Englischsprachige Kinderkrippen und Spielgruppen boomen im Bezirk Meilen. «Die Eltern wollen ihren Kindern den Schulbeginn erleichtern, indem sie ihnen die Möglichkeit bieten, schon vor der Einschulung erste Erfahrungen mit einer Fremdsprache zu sammeln», sagt Susana Binz-Adam, Leiterin der Kinderkrippe Kidsloft in Herrliberg. Zudem falle es den fremdsprachigen Eltern leichter, mit den Betreuern auf Englisch zu kommunizieren.

Binz-Adam ist selbst Mutter von zwei Kindern. 2014 gründete sie die bilinguale Krippe Kidsloft. Trotz des erst im vergangenen Herbst eingeweihten gemeindeeigenen Betreuungshauses mit Kinderkrippe sei die Nachfrage ungebremst hoch. Betreut werden derzeit 18 Kinder im Alter zwischen vier Monaten und vier Jahren. «Ich bin von den Vorteilen einer bilingualen Frühbetreuung überzeugt», sagt Binz-Adam.

Gezwungen wird niemand

Überzeugt ist auch Nava Bader, Leiterin der Kinderkrippe Double Decker in Küsnacht. «Es ist ein grosser Unterschied, ob ein Kind im frühen Alter schon eine zweite Sprache lernt oder erst später», sagt sie. Wichtig sei dabei, wieder Unterricht stattfinde. «Alle un­sere Lehrpersonen unterrichten in ihrer Muttersprache, also in Deutsch oder Englisch.» Dies ­gelte konsequent den ganzen Tag und über alle Situationen hinweg – ob im Unterricht, im Wald oder auf einer Exkursion.

Auch in der Kidsloft in Herrliberg herrscht eine klare Trennung: «Die eine Hälfte unserer Betreuer spricht Englisch, die andere Deutsch als Muttersprache», sagt Susana Binz-Adam. Neben alltäglichen Situationen wird die Sprache auch gezielt im Unterricht vermittelt. «Dort nehmen wir etwa das Vokabular für Farben oder Zahlen durch», sagt die Inhaberin.

Was aber, wenn sich ein Kind überfordert fühlt? Oder ein Problem hat, das es nur in der Muttersprache ausdrücken kann, und lediglich fremdsprachige Betreuer zugegen sind? «Aus Erfahrung mit meiner eigenen Tochter weiss ich, dass Kinder manchmal eine Sprache bevorzugen und Betreuer der anderen Sprache meiden», sagt Binz-Adam. Gezwungen werde niemand. «Wir gehen auf individuelle Bedürfnisse ein, wollen die Kinder im Lernen der Fremdsprache aber ermutigen.»

Muttersprache ist wichtiger

Während die Verantwortlichen der Kinderkrippen vom Lern­effekt vollends überzeugt scheinen, werden vonseiten der Fachstellen kritische Gegenstimmen laut. So sagt Franziska Hidber, Kommunikationsverantwortliche der IG Spielgruppen Schweiz: «Sicher ist es gut, in so jungen Jahren spielerisch mit einer anderen Sprache in Kontakt zu kommen – doch auf die Englischnote später wird es kaum einen Einfluss haben.» Kleinkinder würden eine Zweitsprache zwar sehr leicht lernen, weitaus prägender sei aber die Erstsprache, die zu Hause gesprochen werde.

Dem stimmt auch Françoise Muret von der Fachstelle Spielgruppen der Bezirke Zürich, Affoltern, Horgen und Dietikon, einer Anlaufstelle im Grossraum Zürich, zu. «Wenn ein Kind die Erstsprache gut beherrscht, kann es die Kompetenz später leicht auf andere Sprachen übertragen», sagt Muret.

Bilinguale Frühbetreuung mache nur Sinn, wenn die Erstsprache des Kindes gefördert werde. «Eltern, die ihren Nachwuchs einfach so in den Sprachunterricht schicken wollen – etwa in der Hoffnung auf bessere Karrierechancen –, unterstützen wir nicht», stellt Muret klar. «Für die Integration ist es wichtig, dass Kinder früh mit Schweizerdeutsch und Deutsch in Kontakt kommen.» Auch Linguistin Sarah Chevalier betont die Wichtigkeit der Erstsprache. Bilingualen Kinderkrippen steht sie aber im Grunde positiv gegenüber. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.02.2018, 09:05 Uhr

Nachgefragt

«Problematisch sind zu hohe Erwartungen»

Haben Kinder, die bereits im Krippenalter Englisch lernen, später entscheidende Vorteile?
Sarah Chevalier: Nützlich ist der Besuch einer bilingualen Krippe oder Spielgruppe nur dann, wenn er regelmässig erfolgt. Zwei Nach­mittage in der Woche bringen noch nicht sehr viel. Gleiches gilt später für die zwei bis drei Stunden Englischunterricht in der Primarschule. Entscheidend ist deshalb, dass die Sprache zu Hause oder anderswo weiter praktiziert wird. Ein konstanter Input ist wichtig, ansonsten kann die Fremdsprache wieder weg­fallen. Zu beachten gilt aber, dass Eltern die Sprache wirklich beherrschen sollten: Sprechen sie falsch, eignet das Kind sich die Fehler an.

Was ist mit Kindern, die erst bei der Einschulung mit einer Fremdsprache in Kontakt ­kommen? Können sie den Rückstand gegenüber ihren Kame­raden, die bereits im Früh­kindesalter sprachlich gefördert wurden, überhaupt noch wettmachen?
Das ist sicher möglich. Auch jemand, der erst im Gymnasium Englisch lernt, kann die Sprache später sehr gut beherrschen.

Die Erstsprache eines Kindes sei für seine späteren Sprachkenntnisse entscheidend, heisst es vonseiten der Spielgruppenfachstellen. Die Sprachkompetenz könne, wenn sie erst einmal vorhanden sei, sehr gut auf weitere Fremdsprachen übertragen werden. Stimmt das?
Entscheidend beim Erwerb einer Fremdsprache ist tatsächlich, dass das Kind bereits viel Erfahrung mit seinen Erstsprachen hat. Eine amerikanische Studie konnte aufzeigen, dass der Nachwuchs bildungsfremder Familien gegenüber von Akademikerfamilien einen deutlich geringeren Wortschatz aufwies. Spricht man viel mit dem Kind und liest man ihm viel vor, wird es sich später reichhaltiger ausdrücken und dies auch auf die Fremdsprache übertragen. Das gilt aber nicht nur für eine einzige Mutter­sprache. Kinder können auch zweisprachig aufwachsen und entsprechend von beiden Erstsprachen profitieren.

Kann die sprachliche Frühför­derung auch zu Überforderung führen – etwa, wenn das Kind nicht so sprachaffin ist?
Wenn Kleinkinder spielerisch Englisch lernen, werden sie kaum überfordert sein. Problematisch wird es, wenn die Erwartungen der Eltern an den Lern­effekt zu hoch sind.

Würden Sie Ihr eigenes Kind in eine bilinguale Krippe schicken?
Schlussendlich ist die Qualität der Krippe das Ausschlaggebende. Für uns damals war eine zweisprachige Betreuung nicht notwendig, da wir zu Hause Englisch sprechen. Wenn beide Eltern englischer Muttersprache sind, kann eine rein englischsprachige Tagesbetreuung zum Nachteil werden, wenn der Input für Deutsch zu gering bleibt.

Interview: Linda Koponen

Sarah Chevalier Linguistin, Uni Zürich. (Bild: pd)

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