Verkehr

ZVV kappt an der Goldküste Direktverbindungen zum Flughafen

Alle 30 Minuten geht es mit der S16 von der Goldküste direkt an den Flughafen. In ein paar Jahren soll die Direktverbindung abgeschafft werden. Die Gemeinden wehren sich.

Am Flughafen Zürich fährt zukünftig kein Zug mehr vom und ans rechte Zürichseeufer.

Am Flughafen Zürich fährt zukünftig kein Zug mehr vom und ans rechte Zürichseeufer. Bild: Keystone

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Mit dem Zug direkt an den Flughafen: Das ist schnell, praktisch und kostengünstig. Heute verbindet die S16 rechtsufrige Gemeinden wie Küsnacht oder Herrliberg alle 30 Minuten mit dem Flughafen. Das soll zukünftig, mit dem Bahnausbauschritt 2035, nicht mehr möglich sein. Obwohl bis dann noch viele Jahre vergehen werden, machen die betroffenen Gemeinden ihrem Ärger schon jetzt Luft.

Die Gemeinde Küsnacht hat die Verschlechterung des Angebots als Erstes in der regionalen Verkehrskonferenz zum Thema gemacht. Für Gemeinderat UeliErb(SVP) ist klar, dass man sich bereits heute für die Verbindung an den Flughafen einsetzen muss: «Wir müssen jetzt einen Schuh in die Türe halten, sonst ist der Zug abgefahren.»

Dem pflichtet auch Gaudenz Schwitter (FDP), Präsident der Zürcher Planungsgruppe Pfannenstil und Gemeindepräsident von Herrliberg, bei: «Die Weichen werden jetzt gestellt. Wenn wir uns erst bei der Fahrplanfestlegung 2030 wehren, ist es einfach zu spät.» Für die Region sei der Verlust der Direktverbindung an den Flughafen ein klarer Leistungsabbau – und das, obwohl schweizweit bis 2035 fast 13 Milliarden Franken in den Ausbau des Schienennetzes investiert werden. Im Kanton Zürich werden mit diesen Geldern unter anderem ein viertes Gleis am Bahnhof Stadelhofen sowie der Brüttener Tunnel in Richtung Winterthur finanziert. Die Bauten sind nötig, um das geschätzte Wachstum von 45 Prozent im Personenverkehr bis 2040 im ÖV-Netz auffangen zu können.

Bezirk profitiert laut ZVV

Den Ärger der Gemeinden im unteren Bezirksteil kann man beim Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) nicht nachvollziehen. Von einem Angebotsabbau könne keine Rede sein, meint Sprecher Caspar Frey. Vielmehr profitiere auch der Bezirk Meilen von einem Ausbau: Die S7 verkehrt zukünftig im Viertelstundentakt bis Stäfa (heute nur in den Stosszeiten alle 15 Minuten mit der S20) und die S6/S16 stellen den Viertelstundentakt bis Meilen sicher (heute nur bis Herrliberg-Feldmeilen). Zudem gebe es mit 12 Zügen pro Stunde ab dem Hauptbahnhof Zürich Richtung Flughafen auch dort deutlich bessere Ausbauten. Davon profitierten auch die rechtsufrigen Fahrgäste.

Tiefere Kapazitäten

Warum aber werden die direkten Züge überhaupt abgeschafft, wenn doch die Infrastruktur ausgebaut wird? Der Zürcher Verkehrsverbund erklärt das so: Die Züge aus dem sogenannten «System Museumstrasse» (Stadelhofen–Zürich HB, Gleise 41 bis 44–Hardbrücke) müssten zwischen Flughafen und Oerlikon zwingend mindestens ein Trassee des Gegenverkehrs kreuzen, um an den Flughafen zu gelangen. «Das hat zur Folge, dass auf diesem Abschnitt während einer bestimmten Zeit kein Zug in die Gegenrichtung verkehren kann», erklärt ZVV-Sprecher Frey. Das verringere die Kapazität der Bahnanlage enorm.

Dass die Fahrten an den Flughafen wegen der Gleisanlagen am Bahnhof Oerlikon nicht mehr möglich sein sollen, ist für den Küsnachter Gemeinderat Ueli Erbnicht stichhaltig. «Es ist einfach die Frage, welche Prioritäten man setzt.» Beim ZVV widerspricht man, dass es nur um eine Prioritätensetzung gehe: «Eine solche Einschränkung der Kapazität kann im Horizont 2035 nicht mehr in Kauf genommen werden, da sonst die erforderlichen Angebotsausbauten aufgrund der steigenden Nachfrage im System nicht umgesetzt werden können.»

Wenige oder viele betroffen?

Mit Statistiken will der ZVV zudem untermauern, wie die knapp 40000 Passagiere vom rechten Seeufer heute unterwegs sind. Nur 3,3 Prozent aller Reisenden der S6, der S7 sowie der S16 seien an den Flughafen unterwegs. 17 Prozent reisen nach Oerlikon, die grosse Mehrheit ist jedoch nur zum Stadelhofen oder zum Hauptbahnhof unterwegs. Betrachtet man die S16 – heute die einzige Linie, die den Flughafen anfährt – isoliert, so sind es 10 Prozent. Weil Pendler mit der S7 aus Meilen oder Stäfa bereits heute an den Flughafen umsteigen müssen, ist die Statistik aus Sicht der Gemeinden nur beschränkt aussagekräftig.

Für Gaudenz Schwitter ist der geringe Anteil an Flughafenpassagieren kein Grund, die Direktverbindung nicht mehr anzubieten. «In absoluten Zahlen sind eben doch sehr viele Passagiere betroffen.» Auch weil von der Forchbahn gar zweimal Richtung Flughafen umgestiegen werden muss – denn kein einziger Zug vom Bahnhof Stadelhofen, auch keiner aus dem Zürcher Oberland, verkehrt mehr an den Flughafen. «Ich erwarte vom Zürcher Verkehrsverbund, dass man uns Lösungen aufzeigt», sagt Schwitter. Auf einen Protestbrief, den die Planungsgruppe Pfannenstil der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion geschickt hat, haben die Gemeinden bisher noch keine Antwort erhalten.

Erstellt: 10.07.2019, 16:40 Uhr

Verbindung nach Oerlikon fällt ebenfalls weg

Die Züge vom unteren rechten Zürichsee-Ufer, die heutige S6 und S16, werden in Zukunft auch nicht mehr nach Oerlikon verkehren. Im Vergleich zur Flughafen-Verbindung allerdings nicht wegen der Gleistrassen sondern aus fahrplantechnischen Gründen. Der ZVV plant in sogenannten Bahnkorridoren jeweils bis zum Hauptbahnhof Zürich und verknüpft die geeignetsten Linien dort miteinander. Die Planungen hätten gezeigt, dass eine systematische viertelstündliche Weiterführung der S-Bahnen vom rechten Seeufer ins Limmattal fahrplantechnisch geeigneter ist als sie über Oerlikon in Richtung Baden, Bülach oder Winterthur zu führen. Die Verbindung der heutigen S7 nach Oerlikon soll aber bestehen bleiben.

Änderungen auch am linken Ufer

Der Ausbauschritt 2035 bringt in Sachen Flughafenanschlüssen auch am linken Seeufer Veränderungen. Die heutige S24, welche etwa Horgen Oberdorf, Kilchberg oder Rüschlikon bedient, wird den Flughafen nach heutigem Planungsstand nicht mehr anfahren. Bestehen bleibt die Flughafenverbindung der heutigen S2. Ergänzt wird diese durch die Verlängerung des Fernverkehrs von Chur an den Flughafen. Diese Züge halten dereinst in Wädenswil, Horgen, Thalwil und Zürich Enge. Am linken Seeufer ist zum zukünftigen S-Bahn-Konzept bisher keine Kritik zu vernehmen.

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