Zollikon

Zolliker folgt den Spuren seiner Gotte in Ruanda

Rolf Tanner hat ein Buch über das Leben seiner Gotte Margrit Fuchs veröffentlicht. Der Zolliker Historiker beschreibt eine eindrückliches Biografie über eine Frau, die einen Grossteil ihres Lebens der Entwicklungshilfe in Ruanda widmete.

«Ein Leben für Ruanda»: In einer umfangreichen Biografie beschreibt der Historiker Rolf Tanner das jahrzehntelange humanitäre Engagement seiner Gotte Margrit Fuchs.

«Ein Leben für Ruanda»: In einer umfangreichen Biografie beschreibt der Historiker Rolf Tanner das jahrzehntelange humanitäre Engagement seiner Gotte Margrit Fuchs. Bild: Patrick Gutenberg

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«Sie war 53 Jahre alt und wollte einfach nur weg», erzählt Historiker Rolf Tanner über seine Gotte Margrit Fuchs. «Dass sie nach Ruanda kam, war ein Zufall.» Der Zolliker veröffentlichte im letzten Herbst eine Biografie über Fuchs und ihr jahrzehntelanges Engagement in der Entwicklungshilfe in Ruanda. Tanner arbeitet bei Swiss Re und kommt eigentlich aus dem Bereich Risikomanagement.

Doch der studierte Historiker arbeitete während drei Jahren an der der Lebensgeschichte seiner Gotte. «Ein Leben für Ruanda» beschreibt den ungewöhnlichen Lebensweg einer Frau, die 1970 als einfache kaufmännische Angestellte mit über fünfzig Jahren über die katholische Kirche in die Entwicklungshilfe nach Ruanda kam. Fuchs widmete ihr Leben fortan der Armutsbekämpfung und der Unterstützung von Strassen- und Waisenkinder, bis sie in hohem Alter bei einem Autounfall in Ruanda ums Leben kam.

Vor allem mündliche Quellen

Die Aargauerin lernte Tanners Familie über ihre Arbeit kennen. Sie blieb eine langjährige Freundin der Familie. «Dass sie Gotte des ersten Kindes werden wolle, bestimmte sie selber», sagt Tanner. «Sie war eine sehr willensstarke Frau.» Als Kind pflegte er ein enges Verhältnis zu ihr. Durch ihre Arbeit in Afrika sahen sie sich später nur noch an Familientreffen.

«Ich fand ihr Leben schon lange sehr faszinierend», sagt der 56-Jährige. Die Idee ein Buch darüber zu schreiben, geisterte zwar schon länger herum, doch der Auslöser war der Tod seiner Mutter: «Mir wurde bewusst, dass ich das Buch jetzt schreiben muss. Sonst lebt niemand mehr, der sie kannte.»

Er reduzierte seine Arbeit also auf 70 Prozent und begann nach Weggefährten seiner Gotte zu suchen. Um die siebzig Interviews führte er durch, davon zwanzig vor Ort in Afrika. «Ich arbeitete nach dem Schneeballprinzip», erzählt der Autor. «Viele Leute wussten wieder von anderen, die mir weiter Auskunft geben konnten.»

Tanners zweite Hauptquelle bildeten ein grosser Nachlass an Rundbriefen, die Fuchs all halb Jahr an Familie und Freunde in die Schweiz schickte.

Eine geborene Netzwerkerin

«Ich habe mich jedoch bewusst dazu entschieden, die Biografie von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus zu schreiben», sagt der Historiker. Sich selber habe er als Quelle benutzt, trenne jedoch bewusst zwischen subjektiven Eindrücken und der objektiven Aufarbeitung. «Das Buch soll keine Heiligenlegende sein, sondern einen Einblick in Fuchs als Person geben», erklärt Tanner. Sie sei eine starke Persönlichkeit gewesen, im Guten wie im Schlechten.

Obwohl sie in ein sehr traditionelles Frauenbild hereingeboren war, nutzte Fuchs ihren Spielraum, das zu erreichen, was sie wollte. Geheiratet hat sie nie, auch Kinder hinterlässt sie keine. «Sie war jedoch keine Rebellin, die Anrede ‘Fräulein’ war für sie ein Ehrentitel.» Die Menschen vertrauten ihr, sie war eine geborene Netzwerkerin. «Egal wo wir hingingen, sie kannte bestimmt jemanden», erinnert sich Tanner.

Ein Grund mehr zu helfen

Nach ihrem ersten Aufenthalt in Ruanda, war für Fuchs schnell klar, dass sie in dem Land bleiben wollte. Tanner begleitete sie mit 17 selber auf einer Reise. Er erzählt von Besuchen bei Missionaren, auf welchen er seine Gotte begleitete. Für die Arbeit an der Biografie reiste er 2016 ein zweites Mal nach Ruanda: «Vieles hat sich verändert. Damals gab es zwei asphaltierte Strassen, heute sind die Hauptstrassen geteert.» Auch bleibt die hohe Bevölkerungsdichte ein Problem.

Vieles der Geschichte Ruandas erlebte Fuchs aus erster Hand mit. Der Genozid der Hutu an den Tutsis, der dem Land auch international zu einer traurigen Bekanntheit verhalf, war für sie sehr prägend. Während viele der evakuierten Weissen, vor allem Missionare, das Land daraufhin aufgaben, plagte sie das schlechte Gewissen. «Sie ging nach Ruanda, um den Menschen zu helfen. Als das Leid nach dem Völkermord noch grösser war, war das für sie ein Grund, sich jetzt erst recht einzusetzen», erklärt Tanner.

«Sie wäre wohl nicht sonderlich begeistert darüber, dass ich eine Biografie über sie geschrieben habe», sagt der Historiker. Sie komme aus einer Generation, in welcher Selbstdarstellung als protzig galt. Ihr Handeln sei eine Selbstverständlichkeit gewesen.

Dennoch erachtet es Tanner als ein Leben, das es festzuhalten gilt. Chronologisch und in verständlicher Sprache beschreibt er in Text und Bildern das Leben seiner Gotte: «Es soll keine Fachlektüre sein und auch für Menschen ohne Vorwissen zugänglich sein.»

«Ein Leben für Ruanda» ist im Verlag «Hier und Jetzt» erschienen; ISBN 978-3-03919-437-7 Lesung: Dienstag 19. Juni, 14:30 Uhr, Gemeinschaftszentrum Zumikon.

Erstellt: 15.06.2018, 15:18 Uhr

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