Stäfa

Wo sich die Generationen begegnen

Für Kinder wie auch für demenzerkrankte Heimbewohner ist der neue Garten des Stäfner Alterszentrums Wiesengrund. Kürzlich ist die öffentlich zugängliche Anlage eingeweiht worden.

Heimleiterin Eva Schmid im neuen Demenzgarten, zusammen mit Ivan Keller, dem Präsidenten des Vereins, der das Alterszentrum Wiesengrund betreibt.

Heimleiterin Eva Schmid im neuen Demenzgarten, zusammen mit Ivan Keller, dem Präsidenten des Vereins, der das Alterszentrum Wiesengrund betreibt. Bild: Michael Trost

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Die erste Bewegung geht noch zögerlich von sich. Ein Drehen an der grossen Kurbel; streng ist es, sie in Gang zu setzen. Frida Basler lacht zweifelnd. «Fester», ermuntert sie Ivan Keller neben ihr. Und tatsächlich: Nach einem kurzen Ruck läuft das Getriebe sachte; auf Baslers Gesicht macht sich der Entdeckergeist breit. Denn mit dem Kurbeln erzeugt die Seniorin einen Strudel in einer Wassersäule, der umso grösser wird, je kräftiger sie dreht. «Das ist ja Sport», lautet Baslers Fazit, erfreut und zufrieden, ebensolchen geleistet zu haben.

Die 91-Jährige ist Bewohnerin des Stäfner Alterszentrums Wiesengrund. In dessen Garten spielt sich denn auch die Szene ab. Wie Baslers Aktivität während ihres nachmittäglichen Spaziergangs zeigt, ist der Garten mehr als bloss eine Grünfläche.

Ansprechen der Sinne

Das war nicht immer so: Während vier Monaten ist der 1500 Quadratmeter grosse Garten diesen Sommer tiefgreifend umgestaltet worden. Daraus entstanden ist ein sogenannter Demenzgarten; kürzlich ist er eingeweiht worden.

«Den Bewegungsdrang ausleben zu können, hilft gegen die inneren Spannungen.»Ivan Keller, Präsident des Zentrumsbetreibervereins

Die erwähnte Wassersäule soll als eines der Gestaltungselemente die verschiedenen Sinne ansprechen und so weit zurückliegende Erinnerungen wecken. Diese sind bei Demenzbetroffenen oft noch präsent. Andere Objekte sind ein Dendrophon – eine Art überdimensioniertes Xylophon aus Holz –, ein Sandspiel oder ein Hochbeet mit Kräutern und Blumen.

Was besonders auffällt und im Garten eines Alterszentrums erstaunen mag ist der breit angelegte Kinderspielplatz, unter anderem mit Klettergerüsten und einer Rutschbahn. Keller, Präsident des christlich orientierten Vereins, der das Heim betreibt, spricht denn auch von einem Mehr-Generationen-Garten. Und Heimleiterin Eva Schmid führt aus: «Kinder tun den Demenzkranken gut.»

Besondere Wege

Nur schon durch das blosse Beobachten des kindlichen Treibens würden die Betroffenen aufleben und sich an ihre eigenen frühen Lebensjahre zurückerinnern. Dies gebe ihnen ein Gefühl des Daheimseins und der Geborgenheit – nicht zu vernachlässigen bei einer Krankheit, die oft mit Orientierungslosigkeit einhergeht. Zudem hätten Kinder ein natürliches Verhältnis zu Alter und Tod und würden die Senioren oft offen und direkt ansprechen. «Die Heimbewohner freuen sich, wenn sie aus ihrem Leben erzählen können», sagt Schmid.

Aufenthalte im Garten sollen also das Wohlbefinden der dementiell Erkrankten fördern. «Gegen den Verlauf des Leidens hingegen können sie kaum etwas ausrichten», stellt die Heimleiterin klar. Entsprechend der Idee, Kinder und Familien in den Garten zu bringen, sollen dessen Gestaltungselemente auch diese Altersgruppe und freilich auch die nichtdementiellen Senioren ansprechen.

«Kinder tun den Demenzkranken gut.»Eva Schmid, Heimleiterin

Selbstredend ist die Anlage öffentlich zugänglich: Das wenig einladende Gitter, das sie umgibt, ist nur dazu da, unbeaufsichtigtes Verlassen des Gartens durch Demenzbetroffene zu verunmöglichen. Der eineinhalb Meter hohe, durch einen Zutrittscode gesicherte Zaun entspreche den Vorgaben der Behindertenkonferenz des Kantons Zürich für einen Demenzgarten und richte sich nach einem Leitfaden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Hochschule für Technik Rapperswil, sagt Keller.

Typisch für diese Art Gärten ist auch, dass die Wege in einer geschlossenen Runde angelegt sind und so quasi endlos abgelaufen werden können. «Demenzkranke haben oft einen grossen Bewegungsdrang», erklärt Schmid. «Ihn ausleben zu können, hilft gegen ihre inneren Spannungen.» So erhoffe man sich als Nebeneffekt des Demenzgartens, weniger Neuroleptika – sedierende Medikamente – einsetzen zu müssen.

Von Spenden finanziert

Die Idee für die Neugestaltung des Gartens hätten die Pflegenden gehabt, sagt Keller. Dies, weil in der alten Anlage unbegleitete Aufenthalte nicht möglich gewesen seien – wegen des Gefälles im Gelände, zudem mangels einer Umzäunung und Wegen, die auch mit Gehhilfen gefahrlos begangen werden können. «Für das Begleiten waren aber die personellen Ressourcen zu knapp», erklärt er. Jedoch, auch der neue Garten benötigt regelmässige Pflege und damit Personal. «Vorerst erledigt dies noch der Landschaftsarchitekt, der den Gartenumbau durchgeführt hat», sagt Keller. Für später überlege man sich den Einsatz eines Praktikanten oder eines Zivildienstleistenden.

Die Kosten für den neuen Garten betrugen rund 400'000 Franken und sind durch Spenden von Privatpersonen und Stiftungen gedeckt worden. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.10.2018, 17:16 Uhr

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