Ferienhäuser

Wo Kinder vom See Ferien machen

Viele Gemeinden rund um den Zürichsee betreiben seit Jahrzehnten Ferienhäuser. Während einige dafür ein Defizit in Kauf nehmen, suchen andere nach Auswegen. Eine Typologie.

Der Gasthof Hirschen in Schwellbrunn: Seit bald 100 Jahren fahren Thalwiler Schüler hier in die Ferienkolonie.

Der Gasthof Hirschen in Schwellbrunn: Seit bald 100 Jahren fahren Thalwiler Schüler hier in die Ferienkolonie. Bild: PD

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Zu Zeiten als Verreisen nur für wenige Familien erschwinglich war, ermöglichten sie Hunderten von Schülerinnen und Schülern einen Aufenthalt in den Bergen: Ferienhäuser, die von Gemeinden, gemeindenahen Stiftungen oder unabhängigen Organisationen getragen werden. So etwa das Erlenbacherhaus in Valbella, das Haus der Stadt Wädenswil in Obersaxen oder das Horgner Haus in Laax. Auch heute bieten viele Gemeinden mit den meist in den Bergen gelegenen Häusern günstige Skiferien für Schülerinnen und Schüler. Die Häuser haben zwei Dinge gemeinsam: Sie haben eine lange Tradition und für die Bevölkerung einen hohen emotionalen Wert.

Unterschiedlich ist jedoch, wie sich die Nutzung der Häuser in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Und damit auch, welche finanzielle Last sie für ihre Trägerschaft darstellen. Trotzdem: Die allermeisten Gemeinden hängen an ihren Häusern und wollen sie nicht hergeben. Während einzelne sich dies etwas kosten lassen, haben andere Auswege gesucht.

Die Sorgenkinder

Das Erlenbacherhaus in Valbella haben seit den 50er-Jahren Generationen von Erlenbachern besucht. In den letzten fünf Jahren brachte es der Gemeinde jedoch ein Defizit von durchschnittlich 176000 Franken pro Jahr ein. Der Gemeinderat hat daraufhin die Strategie für das Haus geprüft. Wie Liegenschaftenvorstand Peter Keller (CVP) sagt, war die Gemeinde nicht mehr bereit, Jahr für Jahr ein Defizit zu stemmen. «Es war stets klar, dass wir das Haus behalten wollen, aber es sollte für die Gemeinde kostenneutral sein.»

Das Erlenbacherhaus in Valbella.

Seit April 2018 wird das Erlenbacherhaus von einer Pächterin geführt. Ein fixer Mietpreis und eine Umsatzbeteiligung entlasten die Erlenbacher Rechnung. Auf eine umfangreiche Sanierung mit Erweiterungsbau, wofür der Gemeinderat 2017 noch 2,5 Millionen Franken eingeplant hatte, wird allerdings verzichtet. Laut Keller will man abwarten, wie es laufe. Ob die Kostenneutralität erreicht wird, könne er nicht sagen, weil die erste Jahresrechnung noch nicht definitiv vorliegt. «Eine Tendenz nach oben ist aber auf jeden Fall vorhanden.»

Restaurant und Ferienhaus

Eine schwierige Zeit liegt auch hinter dem Thalwiler Ferienheim in Schwellbrunn im Appenzell, das von der gleichnamigen Stiftung verwaltet wird. Der Unterhalt des über 200-jährigen Hauses ist kostspielig, noch vor gut zwei Jahren sagte eine Stiftungsvertreterin, man kämpfe ums Überleben. Dank neuem Konzept soll dieses nun aber gesichert sein. Wie Stiftungspräsident Jan Rauch ausführt, wurde ein neuer Pachtvertrag aufgesetzt, der der Stiftung höhere und umsatzunabhängige Einnahmen bringt. Damit dies auch für die neuen Pächterinnen attraktiv ist, betreiben diese das Haus auch als Restaurant. «So können Einnahmen gesichert werden, die zuvor nicht vorhanden waren», sagt Rauch. Zwar sei das Nebeneinander von Restaurantbetrieb und Lagern eine Herausforderung, die ersten Rückmeldungen aber positiv.

Für ihn ist das Ziel damit aber noch nicht erreicht. Der Stiftungsrat strebe die finanzielle Unabhängigkeit von der Gemeinde an. Heute wird die Stiftung jährlich mit einem Betriebsbeitrag von 50800 Franken unterstützt. Doch Rauch, der bis 2018 dem Gemeinderat angehörte, glaubt, der Betrag sei permanent gefährdet. Schliesslich wollte der Gemeinderat die Unterstützung von 20000 Franken aus dem Budget streichen, eine Einzelinitiative sorgte dann aber dafür, dass der Betrag gar erhöht wurde. Rauch: «Aufgrund unvorhersehbarer politischer Entwicklungen schwebt nun aber stets das Damoklesschwert über uns.»

Der Problemfall

Das Ferienheim Sanaspans in der Lenzerheide wurde in den letzten Monaten in Zollikon zum Politikum. Weil es wenig ausgelastet ist und einen Sanierungsbedarf von mehr als drei Millionen Franken hat, möchte sich die Gemeinde Zollikon von seinem Ferienhaus trennen.

Es liegt in einer Landwirtschaftszone und hat gut 50000 Quadratmeter Umschwung. Davon will Zollikon profitieren: Die Gemeinde hat zusammen mit der Bündner Gemeinde Vaz/Obervaz ein Projekt für ein Luxusresort mit 500 Betten ausgearbeitet. Es soll dem Käufer gleich dazu geliefert werden und einen grossen Betrag in die Gemeindekasse spülen. Nun geriet das Projekt aber ins Stocken: Weil Anwohner der Liegenschaft harte Kritik am Hotelprojekt äusserten, wurde die Abstimmung über die nötige Umzonung vorerst abgesagt. Die Gemeinde Zollikon ging nochmals über die Bücher – und will Ende November informieren, wie es mit dem Ferienhaus in der Lenzerheide weitergeht.

Die Unabhängigen

Einige Ferienhäuser werden nicht von Gemeinden unterstützt. Hinter ihnen steht ein Verein oder eine Genossenschaft aus der Region, die das Ferienhaus ohne Subventionen selber betreibt. Ein paar Beispiele:

Das Meilener Haus steht seit 1962 in Obersaxen Mundaun. Finanziert wird es von der Ferienhaus-Genossenschaft Meilen mit rund 250 Mitgliedern. «Der Betrieb läuft sehr gut», sagt Christian Krauer, Präsident der Genossenschaft. Die Genossenschaft ist finanziell eigenständig und wird von der Gemeinde nicht unterstützt. Laut Krauer würden bei grösseren Projekten die entsprechenden Investoren fallweise gesucht, unter anderem werde dabei auch die Gemeinde angefragt.

Die Ferienheimgenossenschaft Männedorf betreibt seit 1949 ein Haus im bündnerischen Valbella. Die Gemeinde ist zwar Genossenschaftsmitglied, leistet aber keine finanzielle Unterstützung. «Dank viel Fronarbeit ist das Haus selbsttragend und wir können stets positive Abschlüsse erzielen», sagt Präsident Thomas Lehner. Auch die Erneuerungen des Hauses würden selber bestritten.

Das Horgner-Haus liegt direkt am Laxersee.

Ein Haus für Kinder

Das Wädenswiler Haus im appenzellerischen Schwende unterhält der Pestalozziverein. Dieser hat das Haus 1917 erworben und es ursprünglich Wädenswiler Kindern angeboten, mit dem Ziel, jedem Kind Ferien zu ermöglichen. Heute steht das Wädenswiler Haus zwischen April und Oktober allen Schweizer Schulklassen und Vereinen mit Kindern offen. Mit den Einnahmen durch die Vermietung sowie Spendengeldern kann der Verein jeden Herbst eine Ferienkolonie finanzieren. Dieses Jahr hat mangels Anmeldungen zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses keine Kolonie stattgefunden. Aufgeben wolle der Pestalozziverein das Haus aber noch lange nicht, sagt Paul Meier vom Verein. Dies obwohl die Appenzeller schon öfters ihr Interesse bekundet hätten.

Der Musterschüler

Seit 1964 können Wädenswiler Schüler, Vereine und Familien ihre Ferien im Wädenswilerhaus in Miraniga, Obersaxen, verbringen. Das Haus wurde von der Gemeinde erbaut und wird von der Oberstufenschulpflege verwaltet. Dank sehr guter Auslastung kann es kostendeckend betrieben werden. Wie die Wädenswiler Schulverwaltung auf Anfrage schreibt, sei die Auslastung stabil, 2019 könne man gar eine steigende Tendenz ausmachen.

Die hohe Nutzung sei wohl darauf zurückzuführen, dass das Haus sowohl im Sommer wie auch im Winter attraktiv sei. So würden während der Wintermonate auch externe Schulsportlager und Klassenlager im Wädenswilerhaus durchgeführt. Kathrin Meister von der Schulverwaltung Wädenswil sagt: «Wir haben sehr viele wiederkehrende Gäste. Weil das Haus direkt an der Piste steht, können die Gäste in der Mittagspause ins Haus und so auf eine teure Verpflegung im Skigebiet verzichten.»

Die Unterstützten

Mehrere Gemeinden besitzen Ferienhäuser, die zwar defizitär sind, aber weiterhin getragen werden sollen. So etwa Küsnacht, das gar zwei Häuser zu seinem Portfolio zählt – eines im bündnerischen Sarn und eines in St.Croix im Kanton Waadt. Sie werden primär von der Küsnachter Schule genutzt. Trotz konstant bleibender Auslastung fällt jährlich pro Haus ein Defizit von rund 40 000 Franken an. Laut Schulpräsident Klemens Empting (FDP) gibt es zur Zeit keine Pläne für einen Verkauf der beiden. Dennoch wolle die Schule zusammen mit der Liegenschaftenverwaltung die Situation analysieren. Zu klären sei insbesondere der Renovationsbedarf. Er sei sich bewusst, dass eine Verkaufsabsicht viel Gegenwind erfahren würde, sagt Empting. «Es ist ein heikler Bereich, fast jeder heute erwachsene Küsnachter war mal in einem der beiden Häuser.» Er erinnert ausserdem daran, dass bei einer Belegung durch Küsnachter Schulklassen zwar keine Einnahmen entstehen, dafür aber die Kosten für eine externe Unterkunft gespart werden.

«Ein Juwel»

Gar kein Thema ist ein Verkauf in Richterswil. Die Gemeinde hängt sehr an ihrem Ferienhaus Mistlibühl in Hütten. Das jährliche Defizit von 20000 bis 25000 Franken soll daher weiterhin getragen werden. «Das Ferienhaus ist ein Juwel für die Gemeinde und hat einen hohen Stellenwert im Schulfeld», sagt Gemeindeschreiber Roger Nauer. Es sei auch weiterhin sehr gut ausgelastet, die Wochenenden praktisch immer ein Jahr im Voraus voll belegt. Die Verwaltung des Ferienhauses erfolgt durch die Schulverwaltung, der bauliche Unterhalt durch die Liegenschaftenverwaltung der Gemeinde.

Das Zolliker Ferienhaus in Wildhaus.

Ebenfalls zu den unterstützten Häusern zählt das Horgner Haus in Laax. Es gehört der Baumann-Ferienheim-Stiftung. Die Aufsicht hat der Horgener Gemeinderat, der jährlich eine unterschiedlich hohe Untersützung an den Betrieb leistet. Diesen Winter bricht mit einem Pächterwechsel nach 34 Jahren eine neue Ära an.

Anders als sein Ferienheim Sanaspans in der Lenzerheide will Zollikon an seinem Ferienhaus Höhe in Wildhaus festhalten. Es kostet die Gemeinde jährlich rund 36000 Franken und wird hauptsächlich von der Primarschule während den Sportferien und für Projektwochen genutzt. Laut der Liegenschaftsverwaltung wird eine höhere Auslastung angestrebt. Diese erhofft man sich mit dem Neubau Klanghaus beim Schwendisee zu erreichen.







Erstellt: 13.11.2019, 16:29 Uhr

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