Testkäufe

Wo Kinder an Alkohol gelangen

Im Auftrag von Gemeinden führt das Blaue Kreuz Zürich immer wieder Alkohol-Testkäufe durch. Wir waren mit zwei minderjährigen Lockvögeln in Küsnacht unterwegs.

Zwei Minderjährige gingen fürs Blaue Kreuz in verschiedene Läden, um Alkohol-Testverkäufe durchzuführen.

Zwei Minderjährige gingen fürs Blaue Kreuz in verschiedene Läden, um Alkohol-Testverkäufe durchzuführen. Bild: Symbolbild/Moritz Hager

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Leonie* und Marco* sitzen auf dem Rücksitz des Autos des Blauen Kreuz Zürich. Sie sind auf dem Weg nach Küsnacht, wo sie Alkohol-Testkäufe durchführen werden. Die 16-Jährige hat lange blonde Haare und trägt einen kuschligen rostfarbenen Teddymantel. Das neongrüne T-Shirt des 14-Jährigen leuchtet zwar, ansonsten ist er aber eher unauffällig. Er erzählt nicht viel, antwortet knapp auf Fragen. Dagegen sprudelt Leonie geradezu. Am Steuer sitzt die Begleitperson Anja Sutter*. Die Sekundarlehrerin muss schmunzeln.

Beim ersten Restaurant angekommen steigen die beiden Jugendlichen aus und setzen sich an einen Tisch, um ein Bier beziehungsweise Spirituosen zu bestellen. Dass eine vernünftige Person zwei Jugendlichen mitten am Nachmittag einen Whisky-Cola servieren würde, ohne nach dem Ausweis zu fragen, ist schwer zu glauben. Wenn man dann sieht, wie selbstverständlich Leonie ihren Drink bestellt, versteht man schon eher, wieso sie an vielen Orten doch zu Alkohol kommt.

Verdeckte Testkäufe

Sutter erklärt, wie die Alkohol-Testkäufe des Blauen Kreuz Zürich ablaufen. Sie selbst begleitet zwei bis drei Testkäufe im Monat. Die erwachsene Begleitperson und die Jugendlichen erhalten jeweils einen Stundenlohn und Spesen. Auftraggeber sind vor allem Gemeinden und Branchenverbände. Der Testkauf an diesem Tag ist verdeckt. Das heisst, dass die Restaurant- oder Ladenbesitzer nicht über den Testkauf aufgeklärt oder informiert werden.

«Als Pfadileiterin höre ich manchmal 14-Jährige darüber sprechen, wie sie am Wochenende steil gegangen sind.»Leonie* 

Unser Gespräch wird von Leonie und Marco unterbrochen, die von ihrem Restaurantbesuch zurückkommen. Leonie zeigt mit ihrem Daumen nach unten, lacht und dreht ihn dann nach oben. Sie haben keinen Alkohol erhalten. Auch sie findet es wichtig, dass Jugendliche nicht an Alkohol gelangen. «Als Pfadileiterin höre ich manchmal 14-Jährige darüber sprechen, wie sie am Wochenende total steil gegangen seien.» Damit ist übermässiger Alkoholkonsum gemeint. «Das finde ich richtig schlimm».

Sutter protokolliert, was die Jugendlichen bestellt haben, ob sie nach dem Alter oder Ausweis gefragt worden sind und ob das Verkaufspersonal männlich oder weiblich gewesen ist. Und natürlich, ob sie das alkoholische Getränk tatsächlich erhalten haben. Heute stehen noch neun weitere Restaurants und Geschäfte auf der Liste, die von der Gemeinde Küsnacht als Auftraggeber zusammengestellt wurde. Die Informationen erhält das Blaue Kreuz, das im Auftrag der Eidgenössischen Zollverwaltung eine nationale Statistik führt.

Nachlässige Kontrolle

Bei keinem Restaurant gelangen die Jugendlichen an Alkohol. Marco ist es unangenehm, wenn er abgewiesen wird. Leonie findet es schlimmer, wenn sie Alkohol erhält, direkt bezahlen, das Getränk stehenlassen und das Restaurant verlassen muss. «Du lässt das ganze Bier mit noch frischem Schaum einfach unangetastet stehen. Alle vom Restaurant schauen dann und fragen sich, was los ist.» Manchmal würde sich das Verkaufspersonal auch aufregen. «Kinder, ihr dürft noch nicht trinken!», meinte einmal ein italienischer Restaurantbesitzer etwas geschockt aber ganz väterlich zu den Jugendlichen. Er war heilfroh, als Leonie ihn über die Testkäufe aufklärte.

Bei einem Detailhandelsunternehmen in Küsnacht passiert es dann doch noch: Leonie stellt ihren Aperol seelenruhig auf die Theke, die Verkäuferin verlangt nicht einmal ihren Ausweis. Bei Marco, der genauso gelassen eine Flasche Rosé kauft und plötzlich mindestens zwei Jahre älter wirkt, kontrolliert sie zwar dessen Ausweis, scheint aber das Geburtsdatum gar nicht anzuschauen. Auch er verlässt mit der Alkoholflasche in der Hand den Laden. Manchmal sehe man es den Geschäften schon an, dass sie Alkohol an Minderjährige verkaufen würden, meint Leonie. «Aber hier hätte ich es wirklich nicht erwartet.»

*Namen der Redaktion geändert.

Erstellt: 29.11.2019, 21:48 Uhr

Horgner Betriebe schneiden bei Testkäufen ungewöhnlich schlecht ab

So mies waren die Zahlen noch nie: Bis zu 62 Prozent der Verkäufe von Alkohol oder Tabak in der Gemeinde Horgen waren beim Test im Oktober illegal. 13 Betriebe hat das Blaue Kreuz im Auftrag der Gemeinde überprüft. Bier konnte die noch nicht mal 15-jährige Testperson in acht Betrieben kaufen. Bei den Spirituosen fielen sieben Betriebe durch, beim Tabak noch fünf.

Das Resultat lässt Roland Pfenninger, Abteilungsleiter des Bereichs Kind/Jugend/Familie der Gemeinde Horgen leicht konsterniert zurück. Denn seit 2015 war die Entwicklung mit einer Ausnahme positiv.

Zum schlechteren Resultat habe sicher beigetragen, dass die Betriebe nicht mehr ein paar Monate früher schriftlich gewarnt wurden. «Es ist aber allen bekannt, dass es diese Testkäufe gibt», sagt Pfenninger. Das Resultat lasse sich darum nicht schönreden.

Jetzt gibt es Konsequenzen. Die fehlbaren acht Betriebe werden zu einer Schulung bei der Fachstelle Samowar vorgeladen. So sollen die Verantwortlichen auf einen verantwortungsvollen Umgang beim Verkauf von Alkohol und Tabak sensibilisiert werden. «Wir wollen auch wissen, wo bei den Betrieben die Probleme liegen», sagt Pfenninger.

Die Auswertung zeigt noch weitere peinliche Resultate. Teilweise haben die Verkäufer beziehungsweise Servicekräfte zwar nach dem Ausweis gefragt, aber der zwei Jahre zu jungen Testperson dennoch das Produkt ausgehändigt. Beim Bier war das in einem Fall so, beim Whisky Cola gleich in drei. Die Person, die den Drink, den es ab 18 gibt, bestellt hat, war gerade mal 16. Das überrascht den Abteilungsleiter besonders.

Ein Betrieb wurde zum wiederholten Mal erwischt und beim Statthalteramt verzeigt. In einem Fall weigerte sich die Servicekraft, die Getränke zu stornieren, nachdem ihr gesagt wurde, dass es sich um Testkäufe handelt.

Mehr Tests nötig?

Wie geht es weiter in Horgen? Roland Pfenninger will die Betriebe präventiv anpacken, mit Schulungen. Doch es wird zurzeit auch die Frage diskutiert, ob die Testkäufe intensiviert werden sollen. Es gebe Gemeinden, die bis zu viermal pro Jahr Tests durchführen. Horgen führt die Tests nur einmal im Jahr durch.

Aus den anderen Gemeinden im Bezirk liegen die detaillierten Zahlen noch nicht vor. Wie Renate Büchi von der Fachstelle Samowar sagt, waren die Ergebnisse aber sehr gut, beispielsweise zuletzt an der Räbechilbi. Sehr selten gebe es einen Ausreisser, sonst seien die Resultate gut bis sehr gut, sagt Büchi. (paj)

Chilbis und Veranstaltungen schneiden schlechter ab

Im Bezirk Meilen wurden 2019 142 Betriebe in Bezug auf den Bierverkauf an Minderjährige geprüft, 103 bezüglich Spirituosen. Ausser Zumikon waren alle Gemeinden beteiligt. Wie die Fachstelle Samowar schreibt, fielen beim Bier 22 Verkaufsstellen durch, beim harten Alkohol 9. 23-mal wurden die jugendlichen Testkäufer nicht nach ihrem Ausweis gefragt. In 66 Prozent der Verkäufe verlangte das Personal nach dem Ausweis. Irritierend sei, dass sieben Testbetriebe dennoch Alkohol an die Minderjährigen verkauften. Die Betriebstypen, die am schlechtesten abschnitten, sind Chilbis und Events. 36 Prozent der kontrollierten Verkaufsstellen dieser Art versagten beim Jugendschutz. In den letzten Jahren wurden die Zahlen in der Regel eher besser. Dieses Jahr war das zweitbeste seit Messbeginn im Jahr 2005.

Beim Tabak konnte Samowar eine erstaunliche Verbesserung vom letzten Jahr zu diesem Jahr feststellen. 2018 war die Zahl fehlbarer Verkäufe mit 28 Prozent so hoch wie nie. 2019 waren nur sieben Prozent der Tabakverkäufe illegal. Sämtliche fehlbaren Betriebe verpassten es, nach dem Ausweis oder dem Alter zu fragen. 69 Prozent fragten nach dem Ausweis. Die Fachstelle hält das Aufkommen der E-Zigaretten und die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit für einen Grund zur Verbesserung. (paj)

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