Stäfa

«Wir Menschen mit Down-Syndrom sind nicht krank»

Die 29-jährige Pascale Sträuli ist eine aktive und unternehmungslustige Frau. Und sie hat das Down-Syndrom. Motiviert macht sie in «Touchdown» mit, einer Ausstellung mit und über Menschen mit Down-Syndrom.

Pascale Sträuli betont, dass Menschen mit Downsyndrom nichts mit Mongolen zu tun haben.

Pascale Sträuli betont, dass Menschen mit Downsyndrom nichts mit Mongolen zu tun haben. Bild: Michael Trost

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Pascale Sträuli, wie sind Sie zum Touchdown-Team gekommen?
Pascale Sträuli: Über meine Eltern. Sie haben davon gehört und mich gefragt, ob ich mitmachen möchte. Das wollte ich natürlich. Keine Frage. Und als die Presse kam und das Fernsehen, da hat es mich so richtig gepackt. Endlich mal im Fernsehen auftreten, das war toll.

Sie machen Tandemführungen, bei der Sie zusammen mit einer Person ohne Down-Syndrom durch die Ausstellung führen. Zu welchen Themen informieren Sie die Besucher?
Zu vielen. So ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass wir Menschen mit Down-Syndrom nichts mit Mongolen zu tun haben. Deshalb wehren wir uns gegen den Ausdruck «Mongoloismus». Und wir sind nicht krank. Ich lese auch einen Text vor über das, was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist: Menschen wurden verfolgt, nur weil sie das Down-Syndrom hatten. Das ist sehr traurig. Dann zeige ich auf, dass es nicht angenehm ist, wenn wir angestarrt werden. Mir passiert das zum Glück nicht so häufig.

Sie sind zusammen mit Ihrem jüngeren Bruder in Wädenswil aufgewachsen. Wo sind Sie zur Schule gegangen?
Ich besuchte den Kindergarten, die Einführungsklasse und die Unterstufe der öffentlichen Schule in Wädenswil. Dort war es mir wohl, und ich hatte auch eine sehr gute Schulfreundin. Wir sehen uns sogar heute noch ab und zu. Aber im Rechnen wurde es immer schwieriger für mich. Ab der Mittelstufe besuchte ich die Heilpädagogische Schule der Stiftung Bühl in Wädenswil.

Und welche Ausbildung haben Sie gemacht?
Ich machte eine hauswirtschaftliche Lehre auf einem Bauernhof. Und auf einem anthroposophisch geführten Bauernhof in Bäretswil wohnte und arbeitete ich dann während fünf Jahren. Danach verbrachte ich ein Jahr in Norwegen, wo ich in Selbustrand eine Outdoorschule besuchte.

Eine Outdoorschule in Norwegen? Wie kam es dazu?
Auf einer Norwegenreise mit meiner Familie lernten wir ein Mädchen kennen, das von dieser Schule schwärmte. Da dachten meine Eltern, dass das auch etwas für mich wäre. Ich bin nämlich sehr sportbegeistert. Also habe ich mich beworben und wurde aufgenommen.

War das eine Schule für Menschen mit Down-Syndrom?
Nein, das war eine Schule für alle Menschen, die gerne Sport in der Natur betreiben.

Konnten Sie denn Norwegisch sprechen?
Nein, aber das war kein Problem. Ich habe mich einfach mit Händen und Füssen und auf Englisch verständigt. Wir machten Skisport, Husky-Fahrten und gingen höhlenforschen. Das war wirklich super.

«Ich denke gern positiv, positiver vielleicht als Menschen ohne Down-Syndrom.»Pascale Sträuli

Und als Sie zurückkamen, haben Sie dann weiter auf dem Bauernhof gearbeitet?
Nein, zuerst hatte ich für kurze Zeit eine Stelle in der Gastronomie im Bühl. Dann ergab es sich, dass ich hierher in die Martin Stiftung in Stäfa umziehen konnte. Hier leben und arbeiten Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Eigentlich waren meine Eltern nur auf der Suche nach einem Ferienplatz für mich gewesen, da sie eine längere Reise geplant hatten. Mir gefiel es aber so gut in dieser Wohngruppe, dass ich sofort bleiben wollte.

Wie lange wohnen Sie jetzt schon hier?
Seit einem Jahr. Es ist das erste Mal, dass ich in einer Wohngruppe lebe. Am Anfang war diese neue Unabhängigkeit nicht ganz einfach, vor allem für meine Mutter, aber jetzt haben sich alle daran gewöhnt. Wir sind elf Leute, die auf drei Stöcken in diesem Haus wohnen. Die meisten von ihnen mag ich sehr gut. Und dazu kommen dann noch die Betreuerinnen und Betreuer.

Geniessen Sie Ihre neue Unabhängigkeit?
Ja, aber ich war auch vorher schon recht selbstständig. Ich bin aber froh, dass mir mein Vater immer noch in finanziellen Dingen hilft. Er macht meine Buchhaltung.

Wo arbeiten Sie jetzt?
Als Verkäuferin in einem Lebensmittelladen in Erlenbach. Er gehört ebenfalls zur Martin Stiftung. Dort räume ich die Waren in die Gestelle ein, packe den Käse ab und bediene die Kundinnen und Kunden. Am liebsten übernehme ich die Kasse über Mittag, wenn alle anderen essen gegangen sind. Das ist super, weil dann immer viele Kolleginnen und Kollegen bei mir einkaufen kommen.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Mit Sport, vor allem mit Turnen und Schwimmen. Auch mache ich sehr gern Ausflüge mit meinen WG-Kollegen, zum Beispiel nach Zürich oder Bern. Dort setzen wir uns in ein Café, essen etwas Süsses und trinken Kaffee dazu. Das gemeinsame Kaffeetrinken drückt eine Art Verbundenheit aus. Überhaupt bin ich einfach gern mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen.

Haben Sie auch einen Freund?
Einen Freund? Nein, dafür habe ich keine Zeit.

Finden Sie, dass Sie sich von Menschen ohne Down-Syndrom unterscheiden?
Das ist eine gute Frage. Eigentlich sind wir gar nicht anders, und wir möchten einfach so genommen werden, wie wir sind. Oder doch, da fällt mir ein Unterschied ein: ein Unterschied im Denken. Ich bin ein fröhlicher Mensch und ich denke gern positiv, positiver vielleicht als Menschen ohne Down-Syndrom. Und dann werde ich eben manchmal enttäuscht, wenn die Zukunft nicht so schön ist, wie ich sie mir ausgedacht habe.

Haben Sie einen grossen Wunsch für die Zukunft?
Ich würde sehr gern einmal die deutsche Fernsehsendung «Tigerenten Club» moderieren. Ich trete halt gern vor der Kamera auf. Und ich hoffe — das ist mir ganz wichtig —, dass ich meine Kollegen und Kolleginnen von der Martin Stiftung behalten kann.

Eine Ausstellung mit und über Menschen mit Down-Syndrom: Bis am 13. Mai im Zentrum Paul Klee, Bern. Mit Begleitprogramm und Führungen (www.zpk.org).

Erstellt: 10.04.2018, 16:12 Uhr

Das Down-Syndrom

Die Chromosomen eines Menschen tragen seine Erbinformation in sich. Die meisten Menschen verfügen über 46 Chromosomen. Menschen mit Downsyndrom haben 47 Chromosomen, denn das 21. Chromosom ist dreimal vorhanden. Deshalb wird das Downsyndrom auch Trisomie 21 genannt. ­Menschen mit Downsyndrom haben ein besonderes Aus­sehen. Die veraltete Bezeichnung Mongoloismus ist diskriminierend. (red)

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