Meilen

«Wir machen hier eine Operation am Herzen von Meilen»

Die Meilemer stimmen über eine Begegnungszone auf dem zentralen Abschnitt der Dorfstrasse ab. Tiefbauvorsteher Peter Jenny (SVP) sagt, weshalb sich eine solche lohnen würde – und kontert Kritik.

Tiefbauvorsteher Peter Jenny findet, dass es auf der Dorfstrasse in Meilen dringend eine Veränderung braucht.

Tiefbauvorsteher Peter Jenny findet, dass es auf der Dorfstrasse in Meilen dringend eine Veränderung braucht. Bild: Sabine Rock

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Die Stimmberechtigten von Meilen entscheiden am 19. Mai über die Einführung einer Begegnungszone auf einem 250 Meter langen Abschnitt der Dorfstrasse ab. Die Gemeindeversammlung sagte im März nach intensiver Debatte mit 288 zu 252 Stimmen Ja dazu, nahm dann aber auch den Antrag auf Urnenabstimmung an.

Herr Jenny, als Tiefbauvorsteher befassen Sie sich oft mit Verkehr und müssen es deshalb wissen: Wie viele Verkehrsexperten leben in Meilen?
(lacht) Es sind fast 14'000. Eigentlich jeder, der in Meilen lebt und hier unterwegs ist.

Das merkte man an der Gemeindeversammlung. Fast alle hatten eine Idee, was man mit der Dorfstrasse machen müsste. Warum bewegt das Thema?
Wir machen hier eine Operation am Herzen von Meilen! Da gibt es klar verschiedene Interessengruppen. Etwa die Fussgänger, die heute nicht gerne die Dorfstrasse überqueren, weil sie stark befahren und unübersichtlich ist. Und die Autofahrer, die Angst haben, dass sie nicht mehr frei durchs Dorf fahren können. Der Gemeinderat hat nun eine allseitig tragfähige Lösung erarbeitet, die den unterschiedlichen Interessen gerecht werden kann. Gegen das Projekt wurde wohl darum keine Einsprache eingereicht.

Trotzdem ist ein gewisses Unbehagen zu spüren.
Das stimmt. Ich kann verstehen, dass es bei vielen Unbehagen auslöst, eine Begegnungszone einzurichten. Deshalb tendieren wohl viele zu Tempo 30. Aber das wäre keine gute Lösung.

Warum nicht?
Anders als bei Tempo 20 haben Fussgänger hier keinen Vortritt. Und gegenüber Tempo 50 hat eine Tempo-30-Zone den Nachteil, dass Fussgängerstreifen nicht zulässig sind. Beide Verkehrsregimes sind schlecht für die angestrebte Sicherheit.

Zu reden geben auch die Parkplätze, die wegfallen.
Erstaunlicherweise ja, obwohl im Dorfkern mit dem neuen Parkhaus auch nach der Realisierung der Begegnungszone 234 Parkplätze zur Verfügung stehen. Das Parkhaus ist zwar etwas weiter weg von den Läden als die Parkplätze an der Dorfstrasse. Aber diese werden ja nicht alle aufgehoben, auch wenn es weniger geben wird. Aber Achtung: Wenn die Dorfstrasse saniert wird, lässt sich eine Reduktion ohnehin nicht verhindern – erst recht nicht, wenn wir die Höchstgeschwindigkeit bei 50 km/h belassen.

Weshalb denn das?
Die Dorfstrasse ist in schlechtem Zustand. Wir müssen sie unabhängig vom Ausgang der Abstimmung sanieren. Dann wird die Kantonspolizei die Parkplatzsituation genau prüfen. So wie sich diese heute präsentiert, wird sie nicht mehr genehmigungsfähig sein.

Warum nicht?
Auf einer Strasse mit Tempo 50 ist gemäss heutigen Bestimmungen eine Sichtweite von 50 Metern erforderlich. Bei vielen Parkplätzen auf der Dorfstrasse beträgt sie weniger. Die Kantonspolizei würde deshalb den Rotstift ansetzen. Wir hätten dann weniger Parkplätze – aber immer noch die gleiche unbefriedigende Verkehrssituation wie heute.

Letzteres erachten Sie als Problem. Warum?
Die Situation ist unübersichtlich und unsicher für alle Verkehrsteilnehmer. Fussgänger und Autofahrer kommen sich ins Gehege. Die Bevölkerung ist deshalb der Meinung, dass etwas passieren muss. Dem Gemeinderat hat sie den Auftrag erteilt, eine Einkaufsstrasse mit Tempo 20 umzusetzen. Das steht so im Richtplan, den die Meilemer 2017 angenommen haben.

Führt denn Tempo 20 wirklich dazu, dass sich die stark befahrene Dorfstrasse stärker hin zu einer Einkaufsstrasse wandelt?
Davon sind wir überzeugt. Wir haben verschiedene Begehren des Gewerbes aufgenommen und auch weitere Wünsche wie das Gratisparkieren im Parkhaus während einer halben Stunde zugesichert. So entstand keine Opposition gegen das Projekt. Als es öffentlich auflag, kam keine einzige Rückmeldung aus dem Gewerbe. Das ist bemerkenswert ...

… heisst aber nicht, dass das Gewerbe damit zufrieden ist.
Natürlich mögen die Meinungen auch innerhalb des Gewerbes geteilt sein. Aber: Es gab bisher keine klare Ablehnung.

«Wir stehen hinter Tempo 20, weil das die gewerbefreundlichste Lösung ist»Peter Jenny

Kritik kommt aus anderen Bevölkerungskreisen und aus Ihrer eigenen Partei, der SVP. Ein Problem für Sie?
Nein, das ist für mich nicht schwierig. Meine Partei hat eine andere Rolle als ich als Gemeinderat. Mich stört lediglich, dass die SVP sagt, mit Tempo 20 werde es ein Lädelisterben geben. Diese Aussage ist nicht abgestützt. Und wenn sie sich auf die Anzahl Parkplätze bezieht, dann ist unsere Lösung die Beste, da es bei Tempo 20 klar mehr Plätzen geben wird als bei Tempo 30 oder 50. Auch darum steht der Gemeinderat klar hinter Tempo 20, weil das die gewerbefreundlichste Lösung ist. Interessant ist übrigens Folgendes: In Gemeinden, die Begegnungszonen einführten, gab es zwar zu Beginn oft Widerstand. In Biel beispielsweise wehrten sich verschiedene Interessengruppen vehement gegen Tempo 20. Heute sind aber alle zufrieden.

Biel ist eine Stadt, Meilen aber ein Dorf.
Eine Lösung, die in einer Stadt gut funktioniert, ist auch für Meilen geeignet. Die Ausgangslage in unserer Gemeinde ist nämlich gar nicht so dörflich: Wir sind ein Verkehrsknotenpunkt. Wenn man schaut, was morgens und abends auf der Dorfstrasse rund um den Bahnhof und den Bushof abgeht…

… an der Zahl der Fahrzeuge wird sich mit einer beruhigten Dorfstrasse nichts ändern. Der Verkehr rollt aber langsamer. Ist das nicht kontraproduktiv?
Nein. Heute dürfte man theoretisch 50 km/h fahren, doch das ist tagsüber schlicht unmöglich. Es kommt nämlich wegen einparkierender Autos und Fussgänger immer wieder zu stockendem Verkehr und Behinderungen des Ortsbusses. Tempo 20 ist zwar eine tiefere Fahrgeschwindigkeit, aber da die Parkplätze neu direkt anfahrbar sind, entfallen die Seitwärtsmanöver. Zudem wird der Verkehr bei gemächlicherem Tempo flüssiger. Das bedeutet für sämtliche Verkehrsteilnehmer mehr Sicherheit.

Kritiker sagen: Es wird gefährlicher, wenn Fussgänger Vortritt haben, weil diese dann ohne zu schauen über die Strasse gehen.
Fussgänger passen sich erfahrungsgemäss schnell und vernünftig neuen Situationen an. Heute habe ich viel mehr Angst, weil die Situation sehr unübersichtlich ist. Fussgänger treten oft zwischen den dicht parkierten Autos heraus unvermittelt auf die Strasse.

Die Strasse wäre enger als heute. Die Gegner monieren, das Kreuzen grosser Fahrzeuge sei nicht mehr möglich.
Das stimmt nicht. Die Fahrbahn wäre zwar an vier kurzen Stellen 5,40 Meter breit, im übrigen Bereich jedoch über sechs Meter. Bei Tempo 20 können ein Bus und Auto überall problemlos kreuzen. Die verengten Stellen müssen wir überdies schaffen, damit auf dem gesamten Abschnitt Tempo 20 beibehalten wird.

Und was ist, wenn die Seestrasse wegen eines Unfalls gesperrt werden müsste? Dann läuft der ganze Verkehr über die Dorfstrasse.
In den letzten drei Jahren kam es ein einziges Mal zu einer Vollsperrung der Seestrasse, weil dort ein Rettungshelikopter landen musste. Das dauerte eine Stunde. Ja, in einem solchen Fall entstünde auf der Dorfstrasse kurzfristig ein Chaos ? wie heute auch.

Falls das Projekt an der Urne abgelehnt wird – kommt dann eine neue Vorlage?
Das wissen wir noch nicht. Dringend nötig ist – unabhängig vom Verkehrsregime – die Sanierung der Dorfstrasse. Jetzt hätten wir die einmalige Chance, beides auf einmal umzusetzen. Andernfalls müssen wir später nachjustieren, wenn wir uns für ein neues Verkehrsregime entscheiden. Das Gewerbe und die Anwohner würden zweimal unter den Bauarbeiten leiden. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.04.2019, 15:47 Uhr

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