Natur

«Wir jagen den Dachs nur im Notfall»

Mehrere Gemeinden erlauben den Jägern, Dachse nachts mithilfe von künstlichem Licht zu jagen. Davon Gebrauch machen die Jagdgesellschaften vor allem, wenn Dachse Schäden in der Landwirtschaft anrichten.

«Wie von einer Dampfwalze platt gemacht», so beschreibt Bauer Grimm aus Küsnacht den Schaden, den Dachse auf seinem Feld angerichtet haben. Rund zehn Aaren Mais haben die Tiere niedergetrampelt.

«Wie von einer Dampfwalze platt gemacht», so beschreibt Bauer Grimm aus Küsnacht den Schaden, den Dachse auf seinem Feld angerichtet haben. Rund zehn Aaren Mais haben die Tiere niedergetrampelt. Bild: PD

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Als gefährdet gilt der Dachs heute nicht mehr. Das war in den 1970er-Jahren anders: Damals wurden Füchse in ihren Bauten vergast, um die Tollwut auszurotten. Verendet sind dabei aber auch Dachse. Nun hat sich der Bestand wieder erholt. Inbesonders in Siedlungsnähe hat er sogar zugenommen. Dies zeigen die Auswertungen von Verkehrsunfällen mit Dachsen und wird von mehreren Wildhütern in der Region bestätigt.

Trotzdem ist Meister Grimbart – wie der Dachs in der Fabel genannt wird – nicht häufig zu beobachten: Das grösste Tier der Marderfamilie ist scheu und nur nachts aktiv. Den Tag verbringen Dachse hauptsächlich im Dachsbau, der meist am Siedlungsrand liegt und oft über Generationen weiter benutzt wird.

Sichtbar sind aber hin und wieder landwirtschaftliche Schäden, die von Dachsen angerichtet werden. So auch kürzlich im Küsnachter Gebiet Erb, wo ein Maisfeld des Obst- und Gemüsebauers Marcel Grimm mutmasslich von einer Dachsfamilie niedergetrampelt wurde, als die Tiere die süssen Spitzen des jungen Maises frassen. Oder in Stäfa, wo sich ein Dachs in einem Rebberg im grossen Stile bedient haben soll. «Reife Trauben sind für Dachse natürlich eine Delikatesse», sagt Stefan Schleich, Obmann des Jagdbezirks Pfannenstiel und Jagdaufseher in Stäfa.

Der Dachs ist ein Allesfresser, Obst und Mais gehören zu seinen Leibspeisen. Archivfoto: Hans Wüthrich.

Bewilligung ist Sache der Gemeinde

Um die Reben zu schützen, hat die Jagdgesellschaft Stäfa nun von der Gemeinde die Genehmigung erhalten, Dachse nachts mithilfe von künstlichem Licht zu bejagen. Laut Ruedi Haug, Leiter Sicherheit bei der Gemeinde, ist es das erste Mal, dass die Gemeinde eine solche Bewilligung ausstellen musste.

Die Nachtjagd, bei der meist ein kleiner Scheinwerfer aufs Gewehr montiert wird, ist nach Aussage der Jäger deutlich erfolgversprechender als das Jagen in der Dämmerung. «Man ist darauf angewiesen, in der Nacht zu jagen», sagt etwa der Zolliker Jagdaufseher Louis Wirtz. Anders könne man einen Dachs kaum erwischen.

«Man ist darauf angewiesen, in der Nacht zu jagen.»Zolliker Jagdaufseher Louis Wirtz

Während die Jagdverwaltung des Kantons Zürich die Fuchsjagd mit künstlichem Licht im ganzen Kantonsgebiet freigegeben hat, obliegt die Bewilligung der Nachtjagd auf Dachse den Gemeinden. Diese kann gemäss kantonaler Verfügung «zum Schutz wertvoller Kulturen» ausgestellt werden. Wie Urs Philipp, Abteilungsleiter Fischerei und Jagd beim Kanton Zürich, sagt, komme das Thema in der Regel nur auf, wenn Dachse Schäden anrichteten.

Kürzlich neu ausgestellt haben die Genehmigung für die Nachtjagd neben Stäfa und Zollikon auch Hombrechtikon und Horgen. In all jenen Gemeinden geschah dies auf Wunsch der Jagdgesellschaften, welche von Landwirten dazu angehalten wurden, auf einen Dachsschaden oder Überbestand zu reagieren. In einigen Gemeinden, wie Küsnacht, Erlenbach und Oetwil, wurde die Genehmigung hingegen bereits mit Beginn der aktuellen Pachtperiode im 2017 ausgestellt.

«Nachtjagd ist keine schöne Jagd»

Den Jagdpächtern geht es primär darum, eine Möglichkeit zur Einflussnahme auf den Bestand zu haben. Schliesslich sind sie es, die den Bauern durch Wildtiere angerichtete Schäden vergüten müssen. Aus dem kantonalen Wildschadenfonds werden dem Pächter dann je nach Wildart festgesetzte Beträge zurückerstattet.

Die meisten Jagdaufseher betonen, dass von der Bewilligung zur nächtlichen Jagd nur selten Gebrauch gemacht wird – nämlich dann, wenn Dachse wirklich Schaden stiften. Auch künstliches Licht setze man selten ein, sagt Hans-Jürg Haas, Jagdaufseher im Revier Küsnacht und Erlenbach. «Es ist keine schöne Jagd, deshalb wird diese Möglichkeit bei uns nur sehr selektiv genutzt», sagt er.

«Es ist keine schöne Jagd, deshalb wird diese Möglichkeit bei uns nur sehr selektiv genutzt.»Hans-Jürg Haas, Jagdaufseher im Revier Küsnacht und Erlenbach

Auch der Stäfner Jagdaufseher betont: «Wir schiessen den Dachs nur im Notfall.» Das Tier, das sich in den letzten Wochen an Stäfner Reben gütlich tat, habe man bisher nicht erwischt.

Trotzdem wird deutlich: Wenn sich Dachse unweit landwirtschaftlicher Kulturen einnisten, leben sie gefährlich. «Es kommt schon vor, dass wir in der Nähe von Rebbergen den Bestand prophylaktisch reduzieren», sagt etwa der Küsnachter Jagdaufseher. Andere Schutzmassnahmen wie das Einzäunen von Feldern oder Reben seien nicht praktikabel, weil es die Bewirtschaftung einschränke oder unverhältnismässig teuer wäre.

15 Dachse im Revier Hirzel geschossen

Wie die Statistik der Wildbestände und deren Abgang zeigt, sind im aktuellen Jagdjahr in den Gemeinden des Bezirks Meilen nur vereinzelte Dachse erlegt worden. Am meisten Tiere sind in Hombrechtikon umgekommen: Von zwölf ausgewiesenen Abgängen – wie der Tod eines Wildtieres genannt wird – sei etwa ein Drittel von Jägern erlegt worden, schätzt Jagdaufseher Francisco Tarifa.

Im Bezirk Horgen stellen Dachse vor allem im Jagdgebiet Hirzel ein Problem für Bauern dar. Dieses Jahr wurden bereits 15 Dachse auf der Jagd erlegt, wie Obmann Kaspar Hitz-Kuriger sagt. Man betreibe die Dachsjagd, um Maiskulturen zu schützen und zu verhindern, dass Dachse zu stark in die Wohngebiete vorstiessen. Es sei auch schon vorgekommen, dass Dachse ein tiefes Loch mitten in der Mähfläche hinterlassen hätten. Dies birgt eine Gefahr für den Bauer, der die Fläche mit der Mähmaschiene bearbeiten muss.

In den Jagdrevieren Horgen und Wädenswil sind laut den zuständigen Jagdgesellschaften in den letzten zwei Jahren keine Dachse erlegt worden. Dies obwohl die Gemeinde Horgen sowohl für das Revier Hirzel als auch Horgen die Bewilligung zur Nachtjagd ausgestellt hat.

Strassenverkehr als grosse Gefahr

Keinen Anlass zur nächtlichen Dachsjagd sieht Ulrich von Rickenbach, Jagdaufseher im Revier Adliswil, Kilchberg und Rüschlikon. Er sagt: «Wir bejagen den Dachs im Rahmen der normalen Jagd.» Wenn ein Jäger etwa in der Dämmerung auf Rehböcke ansitze – also auf einem Posten wartet – und ein Dachs komme, werde auch dieser geschossen. Auch im Jagdrevier Langnau ist die nächtliche Jagd auf Dachse nicht erlaubt.

Eine grosse Gefahr ist für den Dachs zudem der Verkehr. So haben zum Beispiel in Meilen und Zumikon mehrere Dachse im Strassenverkehr ihr Leben verloren.

Erstellt: 04.10.2019, 20:03 Uhr

Immer mehr Dachse werden geschossen

Der Abschuss von Dachsen hat in den letzten vier Jahrzehnten stetig leicht zugenommen. Dies zeigt die Statistik des Bundesamts für Umwelt. Während in den 1980er-Jahren schweizweit noch weniger als 1000 Dachse pro Jahr erlegt wurden, waren es 2018 gut 3140 Tiere. Ein Jahr zuvor wurde mit 3770 geschossenen Tieren der Höchstwert erreicht. Im Kanton Zürich sind 2017, dem letzten pro Kanton ausgewiesenen Jahr, 391 Dachse geschossen worden. Anders verhält sich die Entwicklung bei anderen Raubtieren: Bei Fuchs und Steinmarder sind die Abschusszahlen seit den 1990er-Jahren rückläufig. (aj)

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