Männe­dorf

Wie die Ideen eines Männedörflers weltweit Schule machten

Anfang des 20. Jahrhunderts begründete der Männedörfler Unterstufenlehrer und Künstler Gottlieb Merki den modernen Zeichenunterricht. Die Kultur­schüür eröffnete am Freitag eine Ausstellung zu seinen Ehren.

Gottlieb Merkis Zeichnungen werden in der Kulturschüür Männedorf mit heutigen Fotografien der gleichen Motive gezeigt.

Gottlieb Merkis Zeichnungen werden in der Kulturschüür Männedorf mit heutigen Fotografien der gleichen Motive gezeigt. Bild: Sabine Rock

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Dass sein Name heute sogar in seiner Heimatgemeinde vielen kein Begriff mehr ist, hätte Gottlieb Merki (1874–1965) bei seiner Bescheidenheit kaum gestört. Dies soll sich nun mit einer Ausstellung in der Männe­dörfler Kulturschüür über ihn und sein Wirken ändern. In Fachkreisen ist der Lehrer und Zeichner auch nach wie vor ein Begriff, denn in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts reformierte Merki mit der Erarbeitung und Herausgabe seiner 1905 erstmals erschienenen «Volkszeichenschule» den schulischen Zeichenunterricht, hielt Vorträge und gab Kurse.

Seine Ideen eines kinder- und jugendgemässen Zeichenunterrichts stiessen zunehmend auch im Ausland auf Interesse. 1912 wurden sie europaweit zum Standard, und in den 40er-Jahren fanden die immer zahlreicheren und in viele Sprachen übersetzten Hefte sogar den Weg in die USA, nach Kanada, Australien und Neuseeland. Es wird geschätzt, dass rund eine halbe Million Exemplare der Volkszeichenschule abgesetzt wurden – und das ohne Werbung im Internet.

Viele Häuser stehen noch

Seine Methode wurde zwar seither weiterentwickelt, sein Name hingegen findet kaum Erwähnung: Aber mit der Grundlage des modernen Zeichenunterrichts hinterliess Merki weltweit Spuren. Davon zeugen ausgestellte Kinderzeichnungen, die nach seiner Vorgabe gefertigt wurden. In seiner Freizeit schuf er zwischen 1895 und 1965 unzählige Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Feder-, Farb­stift-, Kreide- und vereinzelt auch Pastell- und Ölbilder.

Motive fand er in der Landschaft des Kantons Zürich, besonders in Männedorf. «Gottlieb Merki hat es verdient, dass das, was er für Männedorf getan hat, öffentlich gemacht wird», sagte Dieter Pestalozzi, Präsident des Ver­eins Kulturschüür Männedorf, an der Vernissage am Freitag. Die Idee, Gottlieb Merki in der Kulturschüür eine Ausstellung zu widmen, entstand vor zehn Jahren durch die vielen Origi­nalzeichnungen, die im Archiv schlummern. Aufgrund ihres meist kleinen Formats eigneten sie sich allerdings schlecht dafür. Dass nun doch 65 Zeichnungen gezeigt werden können, gut die Hälfte davon im Original, ist einem glänzenden Einfall zu verdanken. Die Papeterie Pfister in Männedorf stellte von allen Zeichnungen vergrösserte Reproduktionen her, die eine ganz neue Sichtweise ermöglichen und Merkis Genauigkeit und Liebe zum Detail Rechnung tragen.

Wenn Hannes Zimmermann nicht gerade im Archiv der Kulturschüür arbeitete, fotografierte er die Motive jeder Zeichnung aus demselben Winkel. Die aktuellen Bilder ergänzen die Werke perfekt. Zimmermann staunte, wie viele der vor 100 oder noch mehr Jahren gezeichneten Häuser heute noch stehen. Gottlieb ­Merki zeichnete am häufigsten in seiner Heimatgemeinde. «Er war unser Dorfporträtist», sagte Christoph Daum, Aktuar der Kulturschüür. Seine Werke sind Zeitdo­kumente aus dem frühen 20. Jahrhundert. «Er trug statt einem Handy immer einen Zeichenblock bei sich, um etwas Schönes festzuhalten», obwohl man zu dieser Zeit sehr wohl schon fotografieren konnte.

«Er war ein Genie»

Jeder Strich sass, Korrekturspuren finden sich nicht, und wenn Merki die gewünschte Perspek­tive nicht erreichen konnte, dachte er sie sich, und zeichnete nach diesen Vorstellungen. «Er war ein Genie», sagte Hannes Zimmermann vor einer Zeichnung des Schulareals Blatten von 1924. Der Vergleich mit den Fotografien zeigt eine unglaubliche Übereinstimmung in den Proportionen – sogar in denen, die Merki lediglich im Geiste sehen konnte. Der ambitionierte Lehrer und Künstler widmete sich Beruflichem wie Privatem mit unbeschreiblicher Passion und war für seinen Humor ebenso bekannt wie für sein sympathisches Wesen. «Es ist praktisch unmöglich, in seiner Gegenwart schlechte Laune zu haben», drückte ein Bekannter es seinerzeit aus. Seinen Beruf übte er mit Leib und Seele aus. «Nur eines störte ihn», führte Daum an der Vernissage aus. «Er gab sehr ungern schlechte Noten.» Die Kol­legen tolerierten die tatsächlich oft zu hohen Noten, weil Merkis Schützlinge auf den Übertritt von der Unter- in die Mittelstufe tatsächlich gut vorbereitet waren.

Ausstellungsbesucherin Hanni Kaiser-Bächler wurde von 1936 bis 1939 während ihrer ersten drei Schuljahre von Gottlieb Merki unterrichtet und erinnert sich ebenso lebhaft wie gerne an den aufgestellten Lehrer. «Er war einfach goldig.» In der 3. Klasse habe ich lauter 6er gehabt, sagte sie und musste lachen. «Als ich in der 4. Klasse dann 4–5er hatte, traf mich fast der Schlag, und ich traute mich stundenlang mit dem Zeugnis gar nicht nach Hause.» Kaiser-Bächler hat für die Ausstellung ihr altes Poesiealbum zur Verfügung gestellt, in dem Merki sich 1941 mit einer Tuschezeichnung und einem Gedicht verewigt hatte, und ergänzt die Exponate damit mit einer ganz persönlichen Note.

Die Ausstellung dauert bis zum 15. Januar 2017.

Kulturschüür, ­Alte Landstrasse 230, Männedorf. Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 17.30 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag, 14 bis 17 Uhr; Montag,26. Dezember, und Montag,2. Januar 2017, 14 bis 17 Uhr. Am 24./25. Dezember und 31. Dezember / 1. Januar 2017 geschlossen. ­Finissage am Sonntag, 15. Januar, 14 bis 17 Uhr. Weitere Informationen unter www.kulturschüür.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.12.2016, 20:04 Uhr

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