Frauenstreik

Wer streiken will, muss Ferien nehmen

Obwohl das Streikrecht in der Verfassung verankert ist, müssen viele Streikwillige am 14. Juni einen Freitag eingeben. Eine Umfrage in der Region.

Seit Monaten wird landesweit für den Frauenstreiktag vom 14. Juni mobil gemacht.

Seit Monaten wird landesweit für den Frauenstreiktag vom 14. Juni mobil gemacht. Bild: Keystone

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Das Recht zu streiken ist seit 1999 in der Bundesverfassung verankert. Trotzdem gelten nicht für alle Arbeitnehmerinnen dieselben Bedingungen. Laut dem Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) wird das Recht zu streiken gerade in vielen feminisierten Berufen eingeschränkt durch die Verpflichtung, die Versorgung von Schutzbefohlenen zu gewährleisten. Dies betrifft etwa medizinisches Pflegepersonal, Feuerwehrfrauen oder Polizistinnen. Das Bundesgericht hat allerdings im Oktober 2018 entschieden, dass es nicht zulässig ist, diesen Berufskategorien das Streiken generell zu verbieten. Demnach sind Streiks für Arbeitnehmerinnen mit Schutzauftrag legal, wenn die Versorgung der Schutzbefohlenen gewährleistet ist – etwa indem Dienstpläne angepasst werden oder männliche Kollegen einspringen.

So steht im Spital Männedorf und im See-Spital Horgen, wo der Frauenanteil bei etwa 70 Prozent liegt, auch am Frauenstreik die medizinische Versorgung der Patienten im Vordergrund.

Frühzeitige Abmeldung

Im Spital Männedorf ist man der Meinung, dass es Privatsache sei, wenn eine Frau am Streik teilnehmen wolle. «Das Spital gibt Personen frei, die am Streik teilnehmen wollen», sagt Martina Meyer, Leiterin Marketing und Kommunikation des Spitals Männedorf. «Der Frauenstreik ist durchaus ein Thema bei unseren Mitarbeiterinnen. Deshalb baten wir unsere Mitarbeiterinnen, bei der Dienstplanung frühzeitig den Frei-Wunsch einzugeben.» So habe man den Dienstplan entsprechend gestalten können, dass es zu keiner Unterbesetzung komme. «Die Resonanz unserer Mitarbeiterinnen war aber nicht sehr gross», sagt Meyer.

Auch im See-Spital Horgen müssen die Mitarbeiterinnen im Personalplanungsprogramm einen Freitag eingeben, wenn sie streiken wollen. Manuel Zimmermann, Leiter Kommunikation und Marketing des See-Spitals, rechnet daher nicht mit überraschenden Ausfällen infolge des Streiks. «Die Personalplanung muss jedoch grundsätzlich so aufgestellt sein, dass jederzeit Ersatz für Ausfälle abgerufen werden kann.» Obwohl die Teilnahme am Frauenstreik vonseiten des See-Spitals nicht aktiv gefördert werde, sei das See-Spital als Arbeitgeber von vorwiegend weiblichem Personal sehr wohl sensibilisiert gegenüber den Anliegen, welche am Streik postuliert würden. So werde laut Zimmermann im Betrieb alles darangesetzt, die Gleichstellung von Mann und Frau aktiv zu leben.

Der Kommunikationsverantwortliche geht daher nicht davon aus, dass viele Frauen streiken würden. Die Mitarbeiterinnen würden die Gewährleistung der Patientensicherheit als ihre oberste Maxime ansehen, sagt er.

Trotzdem Prüfungen

Gerade Bildungsinstitutionen sind in einer Pflicht, Frauen für die Anliegen des Frauenstreiks aufmerksam zu machen und diese offen anzusprechen. Mitarbeitende der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die auch einen Sitz in Wädenswil hat, würden daher innerbetrieblich besonders auf die Themen Lohngleichheit und Diskriminierung sensibilisiert, sagt Lara Attinger, Medienverantwortliche der ZHAW. «Allerdings werden Mitarbeiterinnen nicht aktiv motiviert, am Frauenstreiktag teilzunehmen.» Da alle Mitarbeitenden für sich selbst entscheiden dürften, ob sie am Streik teilnehmen, lägen keine offiziellen Teilnehmerzahlen vor. «Mitarbeitende der ZHAW brauchen keine Bewilligung für die Teilnahme am Frauenstreiktag», sagt Attinger. «Allerdings erfolgt die Teilnahme auf eigenen Wunsch und findet in der Freizeit statt.» Die Teilnahme am Streiktag gilt somit nicht als bezahlte Abwesenheit und muss mit einem Ferientag kompensiert werden.

Während es den Mitarbeitenden freisteht zu streiken, sofern der laufende Betrieb aufrechterhalten werden kann, müssen viele Studentinnen am 14. Juni Prüfungen schreiben. Denn der Frauenstreiktag fällt mitten in die Prüfungsperiode der Hochschule. «Die Prüfungen werden plangemäss durchgeführt», sagt Attinger. «Wenn Studierende mit Blick auf ihre Verantwortung für die Zukunft der Gesellschaft am Frauenstreik teilnehmen, entspricht dies aber durchaus dem Anspruch der ZHAW, dass Absolventinnen und Absolventen sich reflektiert in die Gesellschaft einbringen.»

Betrieb muss weiterlaufen

Auch beim Lebensmittelhersteller Midor mit Sitz in Meilen, bei dem rund 39 Prozent der Mitarbeiter weiblich sind, wird verlangt, dass Streikwillige einen Freitag beziehen. «Unsere Mitarbeiterinnen, und auch die Mitarbeiter, dürfen jedoch selbstverständlich an der Kundgebung teilnehmen», sagt Anne-Catherine Rüegg Neuhaus, Leiterin Kommunikation und PR der Midor. Allerdings rechne man nur mit wenigen streikenden Mitarbeitenden.

«Einerseits werden die Gehälter bei uns systematisch und unter Berücksichtigung von Funktion, Erfahrung und Leistung festgelegt», sagt Rüegg Neuhaus. «Andererseits sind wir überzeugt, dass unsere Mitarbeitenden unternehmerisch denken und Verständnis dafür haben, dass der Betrieb weiterlaufen muss.» Bis jetzt seien kaum Frei-Anfragen eingereicht worden, von einer Unterbesetzung geht man daher nicht aus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.06.2019, 10:52 Uhr

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