Gesundheit

Wenn Pflegende in Forensik ausgebildet werden

Damit Opfer von Gewalt in Gerichtsverhandlungen zu ihrem Recht kommen, ist eine sorgfältige Dokumentation ihrer Verletzungen hilfreich. Ein Pflegefachmann im Spital Männedorf bildet sich daher in diesem Bereich weiter.

Pflegefachmann Michael Merkel dokumentiert bei einer geschädigten Person mit Winkelmass die Ausmasse einer Verletzung.

Pflegefachmann Michael Merkel dokumentiert bei einer geschädigten Person mit Winkelmass die Ausmasse einer Verletzung. Bild: Sabine Rock

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Eine junge Frau taucht in der Notfallstation des Spitals Männedorf auf. Sie ist hält sich das blutende Gesicht. Es sieht aus, als sei ihr ein Faustschlag aufs Auge verpasst worden. Der erste Instinkt des Personals ist, die Patientin sofort medizinisch zu versorgen. Auch Pflegefachmann Michael Merkel hätte bis vor Kurzem so reagiert. Seit er aber die Weiterbildung in Forensic Nursing absolviert, hat sich seine Sichtweise verändert. Natürlich steht das Wohl der Patientin noch immer an oberster Stelle. Aber für Merkel gehört dazu auch die Zeit nach der medizinischen Versorgung, wenn es darum geht, ob die junge Frau allenfalls Anzeige gegen ihren Angreifer erstatten will. Dafür ist es von Vorteil, wenn die Verletzungen der geschädigten Person möglichst rasch und möglichst detailliert dokumentiert werden.

Genau darum geht es bei Forensic Nursing. Der Begriff kommt aus den USA und bedeutet wörtlich übersetzt forensische Pflege. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Bild der Rechtsmedizin geht es dabei nicht um die Arbeit an Leichnamen, sondern um die Untersuchung von Personen nach interpersoneller Gewalt. Seit 2015 bietet das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich eine Weiterbildung, einen sogenannten CAS in Forensic Nursing an. Dort lernt das Pflegefachpersonal unter anderem eine körperliche Untersuchung durchzuführen, wird in die rechtlichen Grundlagen eingeführt und erhält Werkzeuge zur Gefährlichkeitseinschätzung. Michael Merkel besucht den zwölftägigen Kurs seit letztem Herbst.

Vorbildliches Spital

Während seines Nachdiplomstudiums in der Notfallpflege kam Merkel zum ersten Mal mit dem Thema Forensik in Kontakt. «Seither lässt mich das Thema nicht mehr los.» Als sein Vorgesetzter fragte, wer vom Personal der Notfallstation Interesse hätte, sich in diesem Gebiet weiterzubilden, ergriff er die Chance sofort. Die Kosten für die Weiterbildung übernimmt sein Arbeitgeber. «Das Spital Männedorf ist diesbezüglich sehr vorbildlich», lobt Rosa Maria Martinez. Die Rechtsmedizinerin hat den CAS zusammen mit dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin Michael Thali erarbeitet und fungiert nun als Studiengangsleiterin. Zurzeit wird der Kurs zum dritten Mal durchgeführt.

«Es geht darum, herauszufinden, ob die Verletzungen
zur Geschichte passen, die der Patient erzählt.»
Michael Merkel, Pflegefachmann

Auch in anderen Spitälern am Zürichsee ist Forensic Nursing ein Thema. Aber nur im Spital Zollikerberg hat es  eine Mitarbeiterin, welche die Weiterbildung bereits absolviert hat. Im See-Spital Horgen wird betont, dass mindestens immer eine Person mit einer Weiterbildung in der Notfallpflege auf dem Notfall sei. Wenn eine geschädigte Person das Spital aufsuche, werde ein gründliches Gespräch durchgeführt, das teilweise mit Fotos ergänzt werde. Das Gleiche gilt im Spital Zollikerberg. Das Paracelsus Spital in Richterswil wollte zum Thema keine Stellung nehmen. 

Immer mit Mundschutz arbeiten

Das Vorgehen, das Michael Merkel erlernt, unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom üblichen Vorgehen in den Spitälern. Der Unterschied liegt in den Details. Auch Merkel beginnt mit einem Gespräch.  "Hier geht es zum Beispiel darum, herauszufinden, ob die Verletzungen zur Entstehungsgeschichte passen, die der Patient erzählt." Dabei trägt er Mundschutz und Handschuhe, um einer Verunreinigung der Beweismittel vorzubeugen. Hat der 47-Jährige den Eindruck, die Verletzungen seien auf Gewalteinwirkungen zurückzuführen, versucht er die Person von den Vorteilen einer forensischen Untersuchung und Dokumentation zu überzeugen.

Im Fall der jungen Frau, die Opfer eines Faustschlages wurde, ist ihm dies gelungen. In der Folge hat er die Verletzungen auf Fotos festgehalten und diese detailliert beschriftet. Dann hat er ihre Kleidung eingetütet, denn darauf können Beweisspuren zu finden sein. Ideal wäre gewesen, er hätte einen Abstrich der Wunde im Gesicht machen können, um allfällige DNA-Spuren des Täters sicherzustellen. Doch dafür fehlte ihm die Ausrüstung.

Vorbereitete Boxen

Damit solche Dinge nicht mehr geschehen, wünscht sich Rosa Maria Martinez eines Tages forensische Ambulanzen in den Spitälern, in denen die komplette Ausstattung für eine ausführliche Untersuchung und Dokumentation vorhanden ist. Einen ersten Schritt in diese Richtung sind die forensischen Untersuchungsboxen, die bei Sexualdelikten zum Einsatz kommen. Das Institut für Rechtsmedizin stellt diese Boxen zur Verfügung. Darin finden sich zum Beispiel Stäbchen für die Spurensicherung an der Körperoberfläche und ein Winkelmassstab. Letzterer wird gebraucht, um Verletzungen auf den Fotos mit Grösse und Farbe genau dokumentieren zu können.

Das Fotografieren allein reicht allerdings nicht aus, die Wunden werden am besten auch auf einem Körperschema eingetragen und genau beschrieben. An diesem Punkt ist die forensische Ausbildung gemäss Martinez extrem wichtig. Die meisten Ärzte würden die Wunden eher ungenau beschreiben. So stehe in gewissen Berichten, der Patient habe einen blauen Flecken am Bein. "Aber wir haben ja zwei Beine, Oberschenkel, Unterschenkel, Vorder- und Rückseite und so weiter." Das Pflegefachpersonal lernt im Rahmen des CAS, die Spuren am Körper spezifisch zu beschreiben, aber keine Bewertung abzugeben. Das heisst, die Interpretation der Wunden obliegt den Ärzten.

Kommt es im Falle eines Sexualdelikts zu einer forensischen Untersuchung, werden die Beweismittel in der Untersuchungsbox versiegelt. Diese wird dann bis zu einem Jahr im Institut für Rechtsmedizin aufbewahrt. In anderen Fällen von Gewalteinwirkung kommt die Dokumentation in die Patientenakte.

Zurückhaltung bei Anzeigen

Die geschädigten Personen haben nun eine Handhabe, um Anzeige zu erstatten, sollten sie sich nach dem ersten Schock dazu entscheiden. In einigen wenigen Fällen, habe er  auf Wunsch des Patienten mit der Polizei Kontakt aufgenommen und den weiteren Ablauf aufgegleist, erzählt Michael Merkel. Von sich aus hat er noch keine Anzeige erstattet, obwohl er gemäss Gesundheitsgesetz des Kantons Zürich trotz Schweigepflicht in gewissen Fällen das Recht dazu hätte. " Ich bin aber immer wieder im Kontakt mit der Polizei, um das Vorgehen abzusprechen." Das sei insbesondere schwierig, wenn gewisse Personen immer wieder in der Notfallstation auftauchen. "Das tut mir in der Seele weh."

Seit Merkel in der Weiterbildung zu Forensic Nursing ist, erkennt er die Anzeichen von Gewalt besser. Er schätzt, dass er pro Monat mit ein bis zwei Fällen konfrontiert ist. Genaue Zahlen hat er aber keine. Auch die übrigen Spitäler in den Bezirken Horgen und Meilen erheben keine Zahlen zu diesem Bereich. Merkel hat sich vorgenommen, dies im Spital Männedorf zu ändern. Der Pflegefachmann möchte sich auch als ein Ansprechpartner etablieren, sowohl innerhalb des Spitals wie auch für andere Organisationen wie die Spitex oder Altersheime, damit geschädigte Personen künftig überall die nötige Expertise vorfinden.

Erstellt: 14.03.2019, 15:14 Uhr

Im Spital Beweise sichern

Wenn Gewaltopfer im Spital auftauchen, ist es wichtig ihre Verletzungen zu dokumentieren.

Häusliche Gewalt gehört auch in der Schweiz zum Alltag. Im Kanton Zürich kam es in diesem Bereich gemäss Polizeistatistik im Jahr 2017 zu 2788 Straftaten. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist allerdings hoch, da sich Opfer häufig nicht getrauen, die Täter anzuzeigen. Wenn sie sich dann doch irgendwann dazu überwinden, fehlt es häufig an Beweismitteln. Vor allem eine sorgfältige Dokumentation ihrer Verletzungen wäre zentral.

Das Gleiche gilt für Fälle von sexueller Gewalt. Hier soll das sogenannte Forensic Nursing Abhilfe schaffen. Pflegepersonal, welches eine entsprechende Ausbildung hat, verarztet Patienten nicht nur, sondern dokumentiert auch die Verletzungen und stellt forensische Beweismittel sicher. Die Ausbildung wird am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich seit vier Jahren angeboten. Auch Pflegefachpersonal aus der Region hat sich entsprechend weitergebildet. (otm)

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