Männedorf

Wenn mit dem Baby nicht alles rosa ist

Nach der Geburt eines Kindes herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Mit einer neuen Gruppentherapie will das Psychiatriezentrum Männedorf junge Mütter unterstützen.

Mit der einen Hand kochen, mit der anderen das Baby halten: Mütter von Kleinkindern sind im Alltag stark gefordert – und manchmal überfordert.

Mit der einen Hand kochen, mit der anderen das Baby halten: Mütter von Kleinkindern sind im Alltag stark gefordert – und manchmal überfordert. Bild: Keystone

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Simone ist 31, und seit kurzem Mutter des kleinen Leon. Ein Wunschkind. Doch nach der Geburt verläuft nichts so, wie sie es sich vorgestellt hat: Statt tiefste Glücksgefühle zu erleben, vergiesst sie zahlreiche Tränen. Statt entspannt mit dem schlummernden Kind spazieren zu gehen, pilgert sie den Wohnungskorridor rauf und runter mit dem schreienden Baby auf dem Arm. Simone zweifelt mehr und mehr an ihren Fähigkeiten als Mutter und verspürt Leon gegenüber widersprüchliche Gefühle. Sie wird zunehmend depressiv.

Ein Tabuthema

Das Beispiel ist fiktiv, in der Realität kann es aber ähnlich ablaufen: «Fast jede fünfte Mutter gerät nach einer Geburt in ein seelisches Tief», sagt Regula Guggenbühl Schlittler, Oberärztin im Clienia-Psychiatriezentrum Männedorf (PZM). Diese Frauen fühlten sich erschöpft, bedrückt, gereizt oder überfordert. Das sei allerdings ein grosses Tabuthema. «Denn es steht im Gegensatz zur gängigen Vorstellung einer ausschliesslich glücklich erlebten Mutterschaft.» Viele Mütter würden sich deshalb kaum getrauen, offen über ihre Gefühle und Schwierigkeiten zu sprechen, erzählt die Ärztin. «Aus Angst, den perfektionistischen Werbebildern nicht zu entsprechen.» Die Oberärztin Regula Guggenbühl Schlittler und ihre Kollegin, die Fachärztin Anna Robes, wollen diese Frauen stärken: Ab Mitte September leiten sie am PZM die ambulante Gesprächsgruppe «Mutterglück – Mutterleid». Hier darf offen und ungeschönt ausgetauscht werden. «Oft hilft betroffenen Müttern nur schon das Wissen, dass sie nicht allein mit ihren Problemen dastehen», sagt Guggenbühl. «Und dass andere auch bloss mit Wasser kochen.» Denn ein grosser Stressfaktor sei der Vergleich unter Müttern: Wessen Kind wann durchschlafe, laufe, esse, spreche etc. «Hier wollen wir mit den Gesprächen Druck wegnehmen.»

Eine Putzfrau ist in Ordnung

Ein wichtiger Pfeiler in der Gesprächstherapie ist die Selbstfürsorge. Das klingt banal, ist aber elementar, damit es sowohl den Müttern als auch den Kindern längerfristig gut geht. «Viele Mütter haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich Zeit für sich selber nehmen oder eine Putzfrau anstellen», erzählt Regula Guggenbühl Schlittler. «Sie denken, sie müssten alles allein schaffen.» Doch das sei vielfach eine Überforderung. In der Gesprächsgruppe sollen die Mütter ermutigt werden, sich Hilfe zu holen und gut zu sich zu schauen. Weitere Schwerpunkte sind eine aktive Alltagsbewältigung und das Meistern von Krisensituationen.

Auf die ambulante Gruppe aufmerksam machen Fachleute wie Hausärzte und Psychiater, Hebammen, Spitäler oder Mütterberaterinnen. Anmelden müssen sich die Frauen selber.

Weitere Hilfsangebote

Was aber, wenn die Gesprächstherapie allein nicht mehr reicht und die Situation sich für die betroffene Mutter verschlechtert? «Dann unterstützen wir sie bei der Suche nach weiterer Hilfe», sagt die Oberärztin. Bereits im Vorgespräch, das mit jeder Frau geführt werde, kläre man diesen Bedarf ein erstes Mal. «Unser oberstes Ziel ist es, dass es den Frauen besser geht.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.08.2015, 16:14 Uhr

Ambulante Gruppe

Angebot am Psychiatriezentrum Männedorf

Die ambulante Gesprächsgruppe richtet sich an Mütter mit Kindern im Baby- bis Kleinkindalter, die an Überforderung, Verunsicherung, depressiver Verstimmung, Angst oder zwanghaften Gedanken leiden. Die Therapie umfasst zwölf Gespräche, die jeweils montags von 9 bis 10.45 Uhr im Clienia-Psychiatriezentrum Männedorf stattfinden.

Die Aufnahme in die Gruppe erfolgt nach einem Vorgespräch. In der Gruppe ist Platz für acht bis zwölf Mütter. Die Therapie beginnt am 14. September, es gibt noch freie Plätze in der Gruppe. Anmelden kann man sich unter 0438433200. Die Therapiekosten werden von der Krankenkasse übernommen. (mbs)

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